Auch nach dem Tod des Ex-Chefs will Odenwaldschule Missbrauchsvorwürfe klären

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HEPPENHEIM. Die von Missbrauchsvorwürfen erschütterte Odenwaldschule will die Aufklärung auch nach dem Tod des Hauptbeschuldigten Gerold Becker unvermindert fortsetzen. „Die schonungslose Aufklärung ohne Rücksicht auf Namen und Position geht weiter“, betonte Schulvorstandssprecher Johannes von Dohnanyi am Sonntag in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa in Frankfurt.

Ein Gremium von Experten, auch „Wahrheitskommission“ genannt, soll bei der Aufklärung helfen. Die Runde aus Mitgliedern des Schulvorstandes, Juristen und Psychologen sei als Forum für Missbrauchsopfer gedacht, erklärte von Dohnanyi. Es gebe aber keine feste Besetzung und keinen starren Zeitplan für Treffen des Gremiums.

Von Dohnanyi betonte: „Es ist überhaupt keine Frage, dass weiter aufgeklärt wird bis zum letzten Fall, der bekannt wird. Aber die Schule ist auf einem sehr, sehr guten Weg.“

Nach dem jüngsten Zwischenbericht wurden an dem Reforminternat, das in diesen Tagen sein 100-jähriges Bestehen feiert, von Ende der 1960er-Jahre bis Anfang der 1990er-Jahre etwa 50 Schüler missbraucht, vor allem Jungen. „Wir gehen ganz fest davon aus, dass noch weitere Missbrauchsfälle bekannt werden. Damit müssen wir leider rechnen“, sagte von Dohnanyi. „Es ist ein ganzes System gewesen“, sagte er. „Viele Mitarbeiter haben das verdrängt. Sie waren keine Täter, aber sie haben nichts getan, um Missbrauch zu verhindern.“

Becker, früher Leiter der Schule im südhessischen Heppenheim, soll 17 Jungen missbraucht haben. In einem Brief an die Schulleitung hatte er im März sexuelle Verfehlungen zugegeben und sich dafür entschuldigt. Staatsanwaltliche Ermittlungen gegen Becker und fünf weitere Lehrer waren wegen Verjährung eingestellt worden.

In der Nacht zum vergangenen Donnerstag war der 1936 geborene Becker gestorben. „Ich bedauere den frühen Tod von Gerold Becker. Er hat sich selbst und uns die Chance genommen, Antworten zu geben“, sagte von Dohnanyi.

Zu den weiteren Schritten, die nun anstehen, sagte er: „Wir werden mit dem Kollegium und mit der Schulleitung die pädagogischen Ziele der Schule auf den Prüfstand stellen.“ Zudem werde ein neuer Heimleiter gesucht: „Das wird ein spannendes Auswahlverfahren. Wir wollen die Stelle so schnell wie möglich besetzen, aber Eile ist in solchen Fällen kein guter Ratgeber.“

Von Jörn Bender

Quelle: HNA

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