Das erste Weihnachten zu fünft 

Sie kämpft sich ins Leben: Mia kam als Frühchen mit nur 275 Gramm zur Welt  

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Das erste Weihnachtsfest mit der kompletten Familie: Mutter Julia Gömpel aus Wasenberg und Töchterchen Mia (1) freuen sich auf die Feiertage im Kreise ihrer Liebsten. Klicken Sie oben rechts, um das gesamte Bild zu sehen. 

Für Familie Gömpel aus Wasenberg im Schwalm-Eder-Kreis ist dieses Jahr ein besonderes Weihnachtsfest: Denn zum ersten Mal ist die Familie zu fünft. Zum ersten Mal ist Mia mit dabei.

Und dass das kleine Mädchen da ist, ist ein Wunder. Denn Mia kam im November 2017 in der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt – mit 275 Gramm. Ihre Überlebenschancen lagen bei fünf bis zehn Prozent, die Ärzte revidierten kurz nach der Geburt ihre Einschätzung auf drei bis fünf Prozent.

Hinter Julia Gömpel (27) liegt ein Jahr im Ausnahmezustand: „Die Schwangerschaft verlief nicht komplikationslos, das Kind war unterversorgt. Aber wir hatten gehofft, es bis zur 30. Woche zu schaffen“, erzählt die junge Frau. Doch in Woche 24 erklärten ihr die Ärzte, dass das Kind nur durch einen Notkaiserschnitt zu retten sei. Für die Entscheidung blieb nur wenig Zeit.

Die Mediziner holten das winzige Mädchen auf die Welt. Julia Gömpel sah ihre Tochter erst sechs Stunden später – auf der Neugeborenen-Intensivstation. Die 27-Jährige hatte sich auf den Anblick vorbereitet, für ihren Mann Andreas aber sei es sehr erschreckend gewesen, berichtet sie: „Mia bekam Sauerstoff und war komplett in eine Folie eingepackt, damit die Haut feucht bleibt.“

Nach zehn Tagen der erste Körperkontakt 

Anfangs durften die Eltern nur mit Handschuhen in den Inkubator fassen, nach zehn Tagen folgte der erste Körperkontakt – das Känguruhing (Haut zu Haut-Kontakt zu den Eltern).

„Es war ein unbeschreibliches Gefühl“, erzählt Julia Gömpel, die immer fest an Mia geglaubt hat: „Sie ist ein Schwälmer Dickkopf, eine Kämpferin. Schon früh hat sie gezeigt, was sie will oder auch nicht will.“

Dauerhaft überwacht, angeschlossen an Monitore, behielt Mia noch etwa vier Wochen die Augen geschlossen, bevor sie zaghaft in die Welt blinzelte. „Anfangs war das ziemlich erschreckend, wenn etwas mit der Sauerstoffsättigung nicht stimmte und es Alarm gab“, erklärt die 27-Jährige. Nicht nur für Julia und Andreas Gömpel waren das harte Belastungsproben. Auch den Alltag – die Familie hat zwei weitere Kinder im Alter von sechs und acht Jahren – galt es zu bewältigen. „Familie und Freunde haben uns unfassbar unterstützt. Das war beruhigend zu wissen“, sagt Gömpel, die täglich an Mias Seite war.

Endlich, zu Ostern, durften Gömpels ihre Mia mit nach Hause nehmen. Da wog sie 2600 Gramm, war aber noch dauerhaft an den Sauerstoff angeschlossen. Mittlerweile braucht sie diese Unterstützung nicht mehr. 

Alle sechs Monate zur Kontrolle 

Die Geschwister lieben Mia über alles: „Sie tragen sie fleißig rum und Mia genießt das natürlich“, sagt die Mutter. Alle drei bis sechs Monate muss das kleine Mädchen zu Kontrolluntersuchungen nach Marburg. Bis jetzt entwickelt sich Mia sehr gut, unterstützend wirkt Krankengymnastik. Ob es durch den frühen Start ins Leben später zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommen kann, ist ungewiss. „Sie ist da, gesund und munter – das ist, was zählt“, ist die Wasenberger Familie überzeugt.

Julia Gömpel hat nie an Mia gezweifelt, hat Erfahrungsberichte anderer Eltern gelesen und ist zuversichtlich, dass sich ihre Tochter weiterhin so gut entwickelt: „Unser nächstes Projekt ist das Krabbeln.“ Weihnachten zu fünft wird für alle sehr besonders sein: „Wir haben Glück neu schätzen gelernt.“ Und Mia – die ist mittendrin.

Jüngstes Frühchen kam in der 21. Woche 

Vor wenigen Wochen berichteten viele Medien über Frieda, Europas jüngstes Frühchen. Das Mädchen geht mittlerweile zur Schule. Und ihre Geschichte grenzt an ein Wunder, da sind sich Mediziner einig: Frieda kam im November 2010 in Fulda nach nur 21 Wochen und fünf Tagen zur Welt. Sie war 26 Zentimeter groß und wog 460 Gramm. 

Statistisch hatte sie eine bescheidene Überlebenschance. Normale Schwangerschaften dauern 40 Wochen. Bis heute gibt es in Europa laut der Forschungsliteratur kein jüngeres Frühchen als Frieda. Auch Julia Gömpel möchte Eltern Mut machen. "Mir hat der Austausch mit betroffenen Eltern gutgetan. Den pflege ich auch weiterhin", berichtet die Wasenbergerin. 

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