Gehörlose fordern besseren Zugang zu Bildung - Taubengeld könnte ein Weg sein

Interview zum Tag der Gehörlosen: „Wir sind nicht integriert“

Gebärdensprache für Gehörlose: Sascha Nuhn formuliert das Wort „Kommunikation“. Foto: privat/nh

Die Gehörlosen in Hessen fühlen sich in vielen Lebensbereichen benachteiligt. Vor allem mangelt es an der Finanzierung von Dolmetschern. Ein Interview zum „Tag der Gehörlosen“ am Samstag.

Wir führten ein Interview per E-Mail mit Sascha Nuhn, Vorstandsmitglied des Landesverbandes der Gehörlosen Hessen.

Herr Nuhn, in welchen Bereichen wird für Gehörlose zu wenig getan?

Sascha Nuhn: Schlecht steht es vor allem um die Bereiche Arbeitsleben, Medizin, um den Zugang zu Landesbehörden und andere Bereiche des privaten Lebens.

Welches sind die größten Probleme für Gehörlose im täglichen Leben?

Nuhn: Gehörlose sind im täglichen  Leben nicht integriert. Beispiele dafür gibt es genug. Möchte ein Gehörloser einen Kindergarten besichtigen, um einen geeigneten Betreuungsort für sein Kind zu finden, so muss er den Gebärdensprachdolmetscher aus eigener Tasche bezahlen. Das gleiche ist beim Autokauf der Fall.

Und wie sieht es im Arbeitsleben aus?

Nuhn: Nach dem Sozialgesetzbuch 9 wird ein Gehörloser mit einer Arbeitsassistenz und Gebärdensprachdolmetschern gefördert. Wichtig sind aber vor allem Weiterbildungen. Doch das Integrationsamt fördert diese nur, wenn ein Arbeitsplatz vorgewiesen werden kann und wenn der Arbeitgeber dies für notwendig erachtet. Und wer ALG II bezieht, hat keinen Anspruch auf Weiterbildungsmöglichkeiten mit Gebärdensprachdolmetschern.

Woran liegt es, dass Gebärdensprachdolmetscher weniger Geld verdienen als Fremdsprachendolmetscher?

Nuhn: Das Berufsfeld des Gebärdensprachdolmetschers ist noch sehr neu. Früher haben Familienmitglieder diese Aufgabe übernommen. In Hessen arbeiten derzeit 55 Gebärdensprachdolmetscher, 35 von ihnen hauptberuflich. Dass sie weniger verdienen als Fremdsprachendolmetscher liegt daran, dass der Berufsverband der Gebärdensprachdolmetscher nicht so engagiert ist. Früher haben die Gehörlosenverbände die Arbeit der Gebärdensprachdolmetscher gemacht, was heute nicht mehr der Fall ist.

Ihr Verband behauptet, Ausländer seien besser integriert als Gehörlose. Wie belegen Sie diese These?

Nuhn: In der heutigen Zeit wird an manchen Schulen Türkisch als Unterrichtsfach gelehrt. An unseren Hörgeschädigtenschulen dagegen gibt es die Gebärdensprache nicht als Unterrichtsfach. Glaube, Kultur und Sprache von Migranten werden in unserer Gesellschaft respektiert und sogar gefördert, um diese nicht zu benachteiligen. Auch die Gesellschaft der Gehörlosen hat eine Kultur und eine Sprache. Warum wird das von der heutigen Gesellschaft nicht anerkannt? Gehörlose sind Menschen wie wir alle, nur haben sie eine andere Sprache.

Wie kann Ihrer Meinung nach ein uneingeschränkter Zugang zu allen Bildungsbereichen gewährleistet werden?

Nuhn: Würden wir Taubengeld in Höhe von 534 Euro bekommen, dann könnten wir vieles erreichen. Wir könnten die Gebärdensprachdolmetscher in den Bereichen finanzieren, für die es keinen Kostenträger gibt.

Worauf beziehen sich die genannten 534 Euro?

Nuhn: Das entspricht der Höhe des Blindengeldes, das das Hessen bei 100-prozentiger Blindheit zahlt, um die Nachteile auszugleichen.

Von Heidi Senska

Quelle: HNA

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