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„In 80 Tagen um die Welt“ im ZDF: Kritik, Hintergrund und die Frage nach der zweiten Staffel

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Von: Marc Hairapetian

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In „In 80 Tagen um die Welt“ ab heute (21.12.2021) im ZDF: Ibrahim Koma (Passepartout), David Tennant (Phileas Fogg), Leonie Benesch (Abigail Fix, v.l.).
In „In 80 Tagen um die Welt“ ab heute (21.12.2021) im ZDF: Ibrahim Koma (Passepartout), David Tennant (Phileas Fogg), Leonie Benesch (Abigail Fix, v.l.). © ZDF/Tudor Cucu

Drei Globetrotter zur rechten Zeit: Die gelungene Neuverfilmung von Jules Vernes Klassiker „In 80 Tagen um die Welt“ als achtteilige Serie im ZDF. 

„Warum reisen Sie genau in 80 Tagen um die Welt?“, möchte die schöne Inderin Aouda (Shivaani Ghai) vom britischen Exzentriker Phileas Fogg (David Tennant) wissen. Dessen lakonische Antwort lautet: „Um zu sehen, dass es möglich ist! Ein Freund hat gegen mich gewettet. Es gibt keinen tieferen Beweggrund.“ Und ob! Phileas Fogg ist ein Meister des Understatement. Und David Tennant der bisher beste Schauspieler, der diese weltberühmte Figur des in jeder Hinsicht visionären Schriftstellers Jules Verne (8. Februar 1828 in Nantes - 24. März 1905 in Amiens) verkörpert hat. Er macht wenig Worte, lässt lieber Taten für sich sprechen. Doch wenn er sich mal ausführlicher äußert - meistens geschieht dies ungefragt - hat dies Hand, Fuß und Köpfchen. Der 50-jährige Schotte war schon der beste „Doctor Who“ der Fernsehgeschichte - neben Nachnachfolger Peter Capaldi versteht sich. 

Dass er nicht nur Zukunft, sondern auch Vergangenheit kann, beweist er kurz vor Weihnachten auch im ZDF, wo ab 20.15 Uhr gleich vier Folgen der neuen Serie „In 80 Tagen um die Welt“ hintereinander hintereinander zeigt werden. An den beiden darauffolgenden Tagen gibt es mit jeweils zwei Folgen ab 22.15 Uhr dann den vorläufigen Rest. Denn obwohl David Tennant als Phileas Fogg eine Sekunde vor Ablauf der Frist seine längst verloren geglaubte Wette - durch die Überschreitung der Datumsgrenze Richtung Osten hat man einen ganzen Tag gewonnen - doch noch gewinnt, steht bereits jetzt schon fest, dass das zweite Gemeinschaftsprojekt der European Alliance, die ein Zusammenschluss der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Rai, France Télévisions und ZDF ist, aber noch zusätzlich die Produktionsfirmen Federation Entertainment, Seven West Media und Slim Film + Television zur Realisation benötigt, eine zweite Staffel haben wird.

„In 80 Tagen um die Welt“ im ZDF: Es wird eine zweite Staffel geben

Die Neuinterpretation des 1873 erst veröffentlichten Romans „Le Tour du monde en quatre-vingts jours“ (deutsch: „Reise um die Erde in 80 Tagen“, auch bekannt als „Die Rettung der Maharani“, und „Der Wettlauf des Phileas Fogg“, ebenfalls 1873) ist im ZDF voller Action, aber nicht unglaubwürdig, divers, aber historisch weitgehend korrekt, humorvoll, aber nicht klamaukig. Und kommt genau zur rechten Zeit, wo das Reisen in Zeiten der Covid-19-Pandemie heute auch wieder ein schwer zu bewerkstelligendes Abenteuer ist. Regisseur Steve Barron begann Ende der 1970er Jahre Musikvideos für britische New-Wave-Bands wie The Jam, Adam & the Ants, The Human League, OMD und Heaven 17 zu drehen. Später folgten Clips für Toto („Africa“), Tears for Fears („Mad World“), Madonna („Burning Up“), Michael Jackson („Billie Jean“) oder Rod Stewart („Baby Jane“).  Für „Take On Me“ von a-ha wurde er bei den MTV Video Music Awards 1986 mit dem Regiepreis ausgezeichnet. Voller Musikalität bewegen sich auch seine Protagonisten in „In 80 Tagen um die Welt“ im ZDF durch die exotischen Schauplätze und aufwändigen Kulissen. Der rhythmisch vorwärtstreibende Soundtrack vom in Frankfurt am Main geborenen Oscar-Gewinner Hans Zimmer („Der König der Löwen“) und dem Schweden Christian Lundberg hetzt Phileas Fogg und seine zwei Begleiter zusätzlich um den Globus. 

Bei letzteren wären wir schon bei den größten Änderungen im Gegensatz zur literarischen Vorlage: Fix verliebt sich Folge um Folge mehr in Foggs Diener Passepartout. Doch wer jetzt denkt, dass der übereifrige Detektiv, der glaubt, Fogg wolle sich nach einem Raub auf die Bank of England absetzen, homoerotisch veranlagt sei, irrt gewaltig. Fix ist nämlich in der 2021-ZDF-Version, die dennoch im Jahr 1872 spielt, kein Mann, sondern eine junge Journalistin, die es sich selbst in einer (noch) von Männern dominierten Welt beweisen will! Sie wird von der Hamburgerin Leonie Benesch („Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte“, “Babylon Berlin“*) verkörpert. Und Passepartout (Ibrahim Kona) ist zwar immer noch Foggs französischer Diener, aber er hat afrikanische Vorfahren. Im Lauf der turbulenten, an Strapazen und Gefahren nicht gerade armen Handlung, die unsere drei Globetrotter von London nach Paris führt, dann durch die Wüste nach Aden und von dort über Indien und Hongkong in den Wilden Westen, bis sie zum Ausgangspunkt zurückkehren, gewinnt er allerdings nicht nur das Herz der holden weißen Weiblichkeit, was einen handfesten Skandal verursacht, sondern wird auch zum ziemlich besten Freund von Fogg.

„In 80 Tagen um die Welt“ im ZDF: Neuinterpretation des 1873 veröffentlichten Romans

Diesen hat es unter anderem Namen allerdings wirklich gegeben: Der US-amerikanische Kaufmann und Schriftsteller George Francis Train (24. März 1829 in Boston, Massachusetts - 5. Januar 1904 in New York) war das Vorbild für Jules Vernes Roman. Seine erste, viel beachtete Weltreise im Jahre 1870 führte ihn von New York mit dem Zug (sein Nachname war also Programm) nach San Francisco. Von dort erreicht er mit einem Segelschiff Japan. Im Land der aufgehenden Sonne verursachte er einen Aufschrei der allgemeinen Empörung, weil er nackt in ein öffentliches Bad sprang. Der Zwischenfall blieb für Train allerdings ohne Folgen. Von Hongkong ging es dann für ihn nach Saigon und Singapur. Mit einem Schiff durchquerte er den Sueskanal. Marseille hieß das nächste Zwischenziel. Aus heute nicht mehr ganz zu rekonstruierenden Gründen kam er in Lyon für 13 Tage ins Gefängnis. Vielleicht verdankte er dies einem Justizirrtum wie später sein literarisches Alter Ego Fogg bei Verne. Im Privatzug reiste er nach seiner Entlassung zum Ärmelkanal. Erneute Schiffsreisen brachten ihn über Liverpool am Ende wieder zurück nach New York, wo er genau nach 80 Tagen eintraf. Seine zweite Weltreise von 1890 dauerte 67,5 Tage; seine dritte und letzte Weltreise unternahm er 1892. Sie dauerte 60 Tage. Sein Begleiter war üblicherweise George Pickering Bemis, sein Cousin und Privatsekretär, später Bürgermeister von Omaha, Nebraska. Über „seine“ Namens- und Charakteränderung in Jules Vernes Roman zeigte Train sich erbost. Seine trotzigen letzten Worte waren daher angeblich: „Ich bin Phileas Fogg!“

Dieser wahre Exzentriker war - hier schließt sich der Kreis zur Neuinterpretation mit David Tennant - übrigens auch ein Frauenrechtler. Er finanzierte die frühemanzipatorische Zeitung „The Revolution“ von Susan B. Anthony und Elizabeth Cady Stanton. Deswegen ist das Drehbuch, an dem gleich neun verschiedene Autoren schrieben, nicht total aus der Luft gegriffen. Bis auf die etwas überkonstruierte Folge 1, in der Passepartouts Bruder Gerard (Loic Djani) aus Gründen von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ den französischen Präsidenten erschießen will und am Ende selbst umkommt, sind die einzelnen Episoden in sich stimmig. In Folge 4 etwa wird der Spieß umgedreht: Nicht Fogg rettet Aouda. Sie rettet vielmehr den durch ein Nervengift, das der reisemüde Passpartout - ohne die Folgen vorauszuahnen - seinem Herrn verabreicht hat, Dahinsiechenden mit einem Gegenmittel. Kneedling (Anthony Flanegan), ein Handlanger von Foggs angeblich besten Freund und Wettgegner Bellamy (Peter Sullivan), setzt nämlich alles daran, dass die Reise um die Erde doch länger als 80 Tage dauern soll. Im Roman heiratet Fogg am Ende die parsische Witwe Aouda, die nach Sati-Brauch lebend mit ihrem toten Gatten von einer brahmanischen religiösen Sekte auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden sollte. Man darf gespannt sein, ob der englische Gentleman in Staffel 2 sie bekommt oder doch seine Jugendliebe Estella (Dolly Wells), die er aus Feigheit einst im Stich gelassen hat.

„In 80 Tagen um die Welt“ im ZDF: Auch ein Animationsfilm soll in die Kinos kommen

Von den Real-Verfilmungen seit 1913 (den Auftakt machte Willy Zeyn seniors inzwischen verschollener deutscher Stummfilm „Die Jagd nach der Hundertpfundnote oder Die Reise um die Welt“) ist die neue Variante mit ihrer epischen Form die bisher beste, auch wenn der All-Star gespickte, mit fünf Oscars ausgezeichnete Kino-Klassiker von Michael Anderson und John Farrow aus dem Jahr 1956 im damals revolutionären Todd-AO-Aufnahmeverfahren für 70mm-Breitwandfilme (Kamera: Lionel Lindon) besser fotografiert war. David Tennant ist zwar zurückhaltend, aber nicht so emotionslos wie David Niven. Auch der zu unheimlich wirkende Conrad Veidt (1919), der aalglatte Pierce Brosnan (1989) und der mediokre Steve Coogan (2004) bestehen nicht im Vergleich mit Tennants komplexer Rollengestaltung des Phileas Fogg. 

Die werkgetreueste kinematographische Adaption ist allerdings bis heute der 70-teilige Puppentrickfilm „In 80 Tagen um die Welt“* von Gerhard Behrendt (3. April 1929 in Caputh bei Potsdam - 26. September 2006 in Berlin), dem Erfinder des „Ost-Sandmännchens“. Erstaunlicher Weise wurde diese legendäre Serie 1972 im Rahmen der West-Ausgabe des Sandmännchen im abendlichen Programm gezeigt. Jules Vernes Zivilisations- und Gesellschaftskritik ist hier freilich kein Thema, vielmehr ist die Handlung als spannendes Märchen mit den üblichen Stereotypen (Held, Freund, Prinzessin, Schurke) aufbereitet. Aufwändig und detailreich gestaltet, wobei die Dialoge von einem Erzähler aus dem Off gesprochen werden, hätte sie eine Wieder-Ausstrahlung im KiKA längst verdient. Das Ende der Fahnenstange ist allerdings auch ab heute mit der ZDF-Serie „In 80 Tagen um die Welt“ längst nicht erreicht: 2022 soll, soweit Omikron uns gnädig gestimmt ist, ein Animationsfilm von Samuel Tourneux in die Kinos kommen, indem Phileas Fogg ein frecher Entdecker-Frosch und Passepartout ein von Abenteuern träumendes Seidenäffchen ist… (Marc Hairapetian) *fr.de und giessener-allgemeine.de sind Teil von IPPEN.MEDIA.

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