Tatort-Kritik: Eine Handvoll Gestrauchelter

Enttäuschtes Vertrauen: Die Vollzugsbeamtin (Anneke Kim Sarnau) und der Häftling (Mehdi Nebbou), dem sie zur Flucht verhilft.

München - Welcher Mensch ist es wert, gerettet zu werden? Wer darf noch einmal von vorne anfangen? - Die Tatort-Kritik:  

Hassan Adub (Mehdi Nebbou) darf noch einmal. Zumindest wenn es nach der Vollzugsbeamtin Marie Hoflehner (Anneke Kim Sarnau) geht. Also verhilft sie dem wegen Drogenhandels verurteilten Algerier zur Flucht. Schließlich hat ihr Hassan so ausführlich von seiner Familie und der Wüste erzählt. Dass der allerdings jenseits der hohen Mauern von Stadelheim an nichts weniger denkt als an seine alte Heimat, wird nicht nur für die herb-sanfte Marie zum Problem, sondern auch für Hassan selbst.

Einen ARD-„Tatort“ neuen Zuschnitts präsentieren die Münchner unter der klugen Regie von Jobst Oetzmann. Die Folge „Die Heilige“, die auf einem Buch Friedrich Anis basiert, ist kaum noch ein klassischer Fernsehkrimi nach „Wer war‘s?“-Manier, sondern – ganz typisch für Ani – ein vielschichtiges Psychogramm einer Handvoll Gestrauchelter. Vor allem Anneke Kim Sarnau gelingt es, ihre Rolle als Fluchthelferin ohne unnötige Sätze, nur durch wenige gezielt gesetzte Blicke und Gesten mit einem sehr ergreifenden Hintergrund auszustatten. Aber auch Heinz-Josef Braun als hoffnungslos liebender Künstler im Knast breitet in wenigen Szenen die Tragödie dieses unglücklichen Mannes aus.

Zu all den unterdrückten Emotionen, die in diesem ungewöhnlichen „Tatort“ eine Rolle spielen, passt es gut, dass die beiden Ermittler Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) sich diesmal weniger schlagfertig geben als sonst. In die „Tatort“-Annalen wird „Die Heilige“ nicht wegen der launigsten Wortgefechte von Batic und Leitmayr wegen eingehen. Eher vielleicht wegen der clever parallel erzählten Handlung, der raffinierten Schnitttechnik und überhaupt der virtuos geführten Kamera.

Ulrike Frick

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