Titanic in 3D: Viel mehr als eine Schnulze

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Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in der legendär gewordenen Pose am Bug der „Titanic“.

Trotz seines gigantischen Erfolges wird Titanic letztendlich noch immer unterschätzt. Man könnte ihn als letzten wirklich klassischen Hollywoodfilm bezeichnen. Jetzt kommt Titanic in 3D in die Kinos.

Sie schaut nicht auf Jack. Sie schaut aufs offene Meer. Das Bild mit dem Paar am Bug ist zur Ikone geworden für „Titanic“ als vermeintlichem Liebesfilm. Aber kaum jemand nimmt ernst, in was Rose sich da wirklich verliebt: in die Möglichkeit von Freiheit. Es ist paradox: Ausgerechnet einer der wenigen Hollywood-Filme, in dem die weibliche Protagonistin ihr Lebensziel ausdrücklich nicht an der Seite eines Mannes findet, gilt vielen als Inbegriff von Liebes-Schmalz. Dabei ist Jack letztlich nur Mittel zum Zweck. Er öffnet Rose die Tür zu einer Welt, in der sie mehr ist als nur dekoratives Beiwerk, das mittels Ehe die Familienfinanzen rettet. Jack geht unter – was Rose festhält ist der Traum eines eigenständigen Lebens.

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Aber die Macher von „Titanic“ müssen sich damit abfinden, dass der Film trotz (oder wegen?) allen Erfolgs unterschätzt wird. Ja, „Titanic“ ist ein wahrhaft großer Film: ein großer, erstaunlich selbstreflexiver Film über das Bildermachen, der von der ersten Minute an voll ist von Abbildungen, Abbildungsmechanismen. Über die Konkurrenz von hochtechnisierten Bildgebungsverfahren mit direkter Erfahrung, Erinnerung, und Fantasie. Es ist ein Film über James Camerons zentrales Thema seit „Terminator“-Tagen: die Schnittstelle zwischen Maschinerie und Emotion. Die er hier auch als Filmemacher noch virtuos erkundete: Der Gigantismus des Apparats steht ganz im Dienst von detailverliebtem Geschichtenerzählen und Gefühl. Die neue 3D-Konvertierung ändert daran wenig. Eine Handvoll Einstellungen gewinnt durch zusätzliche räumliche Tiefe, manchmal lenken die Rest-Unzulänglichkeiten des Verfahrens ab – insgesamt schlicht willkommener Vorwand, „Titanic“ noch mal auf großer Leinwand zu erleben.

Der Film ist kaum gealtert. Die wenigen unstimmigen Kleinigkeiten hatten schon vor 15 Jahren nicht überzeugt: unter anderem Pixelmännekens an Deck oder der berüchtigte Celine-Dion-Song. Im Gegenteil, „Titanic“ wiederzusehen macht erst bewusst, wie armselig Blockbuster heute geworden sind. Er ist wohl der letzte wirklich klassische Hollywoodfilm. Ein Film, der einen packt und mit der Frage konfrontiert: Wenn der Untergang unabwendbar ist und die Rettungsboote nicht reichen, wie möchtest du sterben? Wie viel Würde brächtest du auf? Und vor allem: Wie willst du gelebt haben? Und wie wird sich die Erfüllung in deinem Leben an diesem Wunsch messen lassen? Vielleicht ist deshalb das Bedürfnis so modisch, sich diesen Film vom Leib halten zu wollen.

Thomas Willmann

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