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„Der Preis ist katastrophal“: Uwe Roth zu den aktuellen Schweinepreise

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Von: Jessica Sippel

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Der Preis für Schweinefleisch war schon vor der Pandemie zu niedrig, nun ist die Situation aber verstärkt. Schweinehalter können wegen Corona, der Afrikanischen Schweinepest und des Überangebots auf dem Markt nicht wirtschaftlich arbeiten.
Der Preis für Schweinefleisch war schon vor der Pandemie zu niedrig, nun ist die Situation aber verstärkt. Schweinehalter können wegen Corona, der Afrikanischen Schweinepest und des Überangebots auf dem Markt nicht wirtschaftlich arbeiten. © Foto: Sina Schuldt/dpa

Billig, billiger am billigsten? Seit Jahren wird über die Preise von Schweinefleisch diskutiert, Corona und die Afrikanische Schweinepest haben die Situation verschärft. In Interview geht es genau darum.

Werra-Meißner – Geht man durch die Fleischtheke im Supermarkt, jagt ein Angebot das nächste. Fleisch ist billig. Das, was aber der Verbraucher zahlt, ist noch längst nicht das, was bei Landwirten ankommt. Wir sprachen im Interview mit Uwe Roth, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands und selbst Schweinehalter in Wanfried, über die aktuelle Situation der Landwirte.

Herr Roth, bekommen die Landwirte für ihre Schweine einen fairen Preis?

Der Preis ist katastrophal. Mit fair hat das überhaupt nichts mehr zu tun. Davon bin ich auch selbst betroffen, weil ich 600 Mastplätze habe.

Wie viel bekommen Sie pro Kilogramm Fleisch?

Laut meiner letzten Abrechnung habe ich für ein Schwein inklusive Mehrwertsteuer noch 109 Euro bekommen. Das Schwein wog lebend 125 Kilogramm, etwa 96 Kilogramm Fleisch bleibt ausgeschlachtet übrig und wird berechnet. Das ist ein Minusgeschäft, pro Schwein kann man mit einem Verlust von 65 Euro rechnen.

Welche Kosten müssen Sie pro Schwein decken?

Das geht beim Ferkeleinkauf los. Die Erzeuger erhalten aktuell einen Preis von 30 Euro pro Ferkel, was auch viel zu wenig ist. Während der Mast frisst ein Schwein dann etwa 250 Kilogramm Futter, bis es fertig ist. Je nachdem, was gefüttert wird, kommen an Futterkosten gut 90 Euro zusammen. Pro Schwein rechnet man zudem mit zehn Euro für Strom und Wasser und acht Euro für den Stall. Manche Schweine versterben auch, man muss Verluste einkalkulieren. Dann muss man auch die Arbeit bezahlen, die pro Schwein geleistet wird.

Wie ist das auf Biohöfen? Ist es dort fairer?

Es gibt nur wenige Biolandwirte, die Schweine halten – ich glaube, es sind keine drei Prozent – aber die werden besser bezahlt. Sie haben aber auch deutlich mehr Aufwand und viel höhere Kosten. Von daher müssen sie auch mehr Geld bekommen. Der Druck dieser wahnsinnig niedrigen Fleischpreise auf dem Markt wirkt sich aber auch auf die Biohöfe aus.

Warum ist das Fleisch so billig?

Das ist seit Jahren ein Problem, Corona und die Afrikanische Schweinepest (ASP) haben das extrem verstärkt. Durch die Coronaausbrüche auf den Schlachthöfen wurden die Schlachtungen eingestellt oder reduziert. Um den Bedarf zu decken, bediente sich der Markt an Schweinen aus dem Ausland. Es kam zu einem Schweinestau in deutschen Ställen und zu stark fallenden Preisen. Dazu kommt als zweiter großer Grund ASP. Sie blockiert die deutsche Lieferung auf die asiatischen Märkte als große Abnehmer. Dort verbietet man den Import von Lebensmitteln aus ASP-Gebieten.

Das klingt eigentlich sehr weit weg von uns.

Nein, die Situation auf den Weltmärkten wirkt sich direkt auf die Landwirte im Werra-Meißner-Kreis aus – sei es Ringgau, Eschwege oder Witzenhausen. Wir gehören zu einem großen Handelsnetz. Und zu diesen beiden Hauptgründen kommt auch noch die verminderte Fleischabnahme aus der Gastronomie durch die Zugangsbeschränkungen hinzu. Der Verzehr ist reduziert. Das spüren wir ganz deutlich.

Was lösen solche Fleischpreise bei Ihnen als Landwirt aus?

Es gibt Sonderangebote, bei denen ich einfach nur mit dem Kopf schütteln kann, etwa bei 3,99 Euro für ein Kilogramm Gehacktes. Da ist ein Kilogramm Katzenfutter schon teurer. Und dann landen wegen des Überflusses auch noch viele Lebensmittel in der Mülltonne? Wir reden hier von toten Tieren. Das kann es nicht sein, das ist ethisch verwerflich und unmoralisch.

Was wäre Ihrer Schätzung nach ein fairer Preis?

Ein fairer Preis muss sämtliche Kosten decken, die eingesetzte Arbeit honorieren und einen Unternehmergewinn beinhalten. Das fängt bei den Ferkelerzeugern an. Der sollte für sein Tier eher 80 Euro bekommen, anstatt wie aktuell nur 30 Euro. Weiter geht es bei der Mast: Um alle Kosten – von Ferkelkauf über Futter, Stall und Arbeit – zu decken, müsste man mindestens 180 Euro pro Mastschwein bekommen. Damit kann man vernünftig arbeiten, alle Faktoren wären entlohnt und man kann die Tierwohlkriterien erfüllen.

Wie erreicht man das?

Das Problem ist, dass der Markt übersättigt ist. Das Angebot ist zu groß, die Folge ist, dass der Preis in den Keller geht. Nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage sollte das zum Mehrkauf anregen. Das tut es aber nicht. Die Menschen essen schon viel Fleisch. Und durch Corona ist der Absatz gebremst, weil die Restaurants eingeschränkt sind und kaum Veranstaltungen stattfinden. Gleichzeitig kommt nach wie vor Fleisch nach. Die Landwirte können die Produktion nicht einfach herunterfahren. Es dauert ein Jahr, bis sich die Zahl der Ferkel auf die Zahl der Mastschweine auswirkt. Die Ferkel sind da, wo soll man mit ihnen hin?

Wie kann man das in den Griff bekommen?

Es birgt eine gewisse Aussichtslosigkeit. Die Schweinehalter haben mit der aktuellen Lage nur die Wahl der Aufstockung, den Ruin oder den Ausstieg. Wachsen oder weichen. Wenn man nur mit der Landwirtschaft seine Familie ernähren will, ohne zusätzlich woanders zu arbeiten, klappt es nur mit Quantität. Diese Konsequenz zieht auch bei uns im Kreis, wo wir nur kleine Tierbestände haben. Das ist ein Teufelskreis: Man braucht immer mehr Tiere und bekommt immer weniger Geld.

Welche Zukunftsaussichten birgt diese Situation?

Innerhalb eines Jahres gaben allein in Hessen zehn Prozent der schweinehaltenden Betriebe auf. Es werden sicher noch mehr aussteigen. Die Reaktion auf diesen übervollen Markt kommt erheblich zeitversetzt etwa anderthalb Jahre später, schätze ich. Nächstes Jahr um diese Zeit werden wir vermutlich so wenig Schweine in Deutschland haben, dass wir mehr aus dem Ausland importieren müssen. Ob dies mit steigenden Preisen einhergeht ist zu hoffen, aber fraglich.

Was ist Ihr Appell?

Laut Verbraucherumfragen wären 60 Prozent der Menschen dazu bereit, mehr für Fleisch zu zahlen. Dafür verzichtet man auf den ständigen Fleischgenuss. Davon hätten alle etwas. Die Gesellschaft denkt heute anders als vor 50 Jahren, als Fleisch täglich auf den Tisch kam. Der Fleischgenuss wird kontroverser diskutiert. Die Menschen müssen lernen, tierische Lebensmittel wieder mehr wertzuschätzen. Das lebende und auch das tote Tier muss man würdigen. Besonders dann, wenn es sterben musste, um den Menschen Genuss zu bereiten. Die Verantwortung für den guten Umgang mit Tieren endet nicht an der Stalltür, sondern an der Ladentheke. Von Jessica Sippel

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