In Herleshausen ging’s um 2 Uhr los

30 Jahre Grenzöffnung: Die Chronologie der Ereignisse

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Grenzenlose Freude: Zwischen Heldra und Wendehausen wurde der Grenzzaun am 18. November geöffnet. Grenzenlose Freude: Zwischen Heldra und Wendehausen wurde der Grenzzaun am 18. November geöffnet.

Vor 30 Jahren wurde die Grenze zwischen Ost- und West-Deutschland geöffnet. Wir blicken zurück und sprechen mit Zeitzeugen über die bewegenden Tage im Herbst 1989.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 öffnete in Herleshausen der erste Grenzübergang zwischen Hessen und Thüringen im Werra-Meißner-Kreis. Nach und nach folgten die anderen Übergänge bei Wanfried, Witzenhausen, Großburschla, Frieda, Heldra, Bad Sooden-Allendorf oder Rittmannshausen. Wir fassen sie Chronologie der Ereignisse zusammen.

Donnerstag, 9. November

Kurz vor 19 Uhr am Donnerstag, 9. November, blätterte Günter Schabowski während der folgenreichsten Pressekonferenz der deutschen Geschichte in seinen Unterlagen. „Das trifft nach meiner Kenntnis, ist das sofort, unverzüglich“, stammelte Schabowski vor der Weltpresse und besiegelte damit den Untergang der DDR. Jeder Bürger der DDR durfte von da an über Grenzübergangspunkte der DDR ausreisen.

Freitag, 10. November

Bis zum frühen Morgen wurde in den Kneipen Großburschlas gefeiert.

Einer dieser Grenzübergangspunkte war Herleshausen/Wartha. Nach der Verkündung der Reisefreiheit in den Nachrichtensendungen in Ost und West versammelten sich die Menschen auf beiden Seiten des Grenzübergangs und warteten voller Vorfreude. Um 2 Uhr in der Nacht öffneten die Grenzer im Osten die Tore. Nur mit einem Personalausweis in der Hand passierten die Menschen aus Ost und West den Eisernen Vorgang, der Deutschland 28 Jahre lang trennte. Es spielten sich beendruckende Szenen der Freude ab. Wildfremde Menschen aus Ost und West lagen sich in den Armen. Sektflaschen wurden geköpft, überall wurde gelacht und gesungen. Die friedliche Revolution war geschafft.

Der überwiegende Teil kam als Besucher und wollte gleich wieder zurück – am Freitag musste ja gearbeitet werden. Einige schafften es bis nach Eschwege, um sich die Kreisstadt bei Nacht anzuschauen. Einige wenige meldeten sich aber auch beim Bundesgrenzschutz und gaben an, für immer in der Bundesrepublik bleiben zu wollen. Sie trauten der Reisefreiheit nicht. Rund 3000 Menschen kamen bis zum Mittag in den Werra-Meißner-Kreis.

Samstag, 11. November

Auf den Straßen des Kreises ging an diesem Samstag so gut wie nichts mehr. Rund 50 000 Fahrzeuge aus dem Osten waren hier unterwegs. Am Grenzübergang Herleshausen bildete sich ein 30 Kilometer langer Stau aus dem Osten kommend. Die meisten wollten nach Eschwege oder Kassel. Im Werra-Meißner-Kreis wurde an diesem Tag 15 000 Mal Begrüßungsgeld beantragt. In Herleshausen hatten die Geschäfte auch nachts geöffnet.

Sonntag, 12. November

Der Grenzzaun bekommt immer mehr Löcher. Nach Herleshausen folgen nun die Übergänge zwischen Wanfried und Katharinenberg und bei Witzenhausen. Um 11.30 Uhr wurde die Grenze bei Katahrinenberg geöffnet. Zunächst nur für Fußgänger, später auch für Fahrzeuge. Notdürftig wurde der Übergang in deutsch-deutscher Gemeinschaftsarbeit hergerichtet.

Um 13.15 Uhr wurde auch bei Diedorf ein neuer Grenzübergang eingerichtet – allerdings nur einseitig. Nur die Westdeutschen durften ohne Visum rüber. Einige Hundert machten von dem Angebot Gebrauch.

In Großburschla hatte sich gegen 17.30 Uhr ein Fackelzug in Richtung Grenzbefestigungsanlagen aufgemacht. Gegen 18.15 Uhr waren auch die Menschen aus dem Westen am Grenzzaun bei Bahnhof Großburschla eingetroffen. Die „Tor auf“-Rufe von beiden Seiten wurden nicht erhört.

Grenzenlose Freude: Zwischen Heldra und Wendehausen wurde der Grenzzaun am 18. November geöffnet.

Montag, 13. November

Um 16 Uhr war es in Großburschla so weit. Das Tor wurde geöffnet, die Grenze war gefallen. „Der Einzug der Großburschlaer wurde zum Triumphzug für Freiheit und Gerechtigkeit“, schrieb WR-Redakteur Dieter Möller damals. Die Passkontrollen wurden aufgehoben, die Kneipen in Großburschla gestürmt. Völlig überfüllt war die Montagsandacht in der Großburschlaer Kirche. Die Eschweger Ärzteband Hot Docs verlegte spontan ihre Übungsstunde zu einem Konzert in die Klosterkirche. Bis in die frühen Morgenstunden wurde gefeiert.

Dienstag, 14. November

Nach und nach bekam der Grenzzaun zwischen Hessen und Thüringen Löcher.

Das historische Ereignis und die Euphorie hatte auch ihre Schattenseite. Der erste Verkehrstote aus dem Osten wurde beklagt. Bei der Heimfahrt in die DDR sind auf der B 7/B 27 eine 64-jährige Frau und ein 35-jähriger Mann aus Arnstadt in Thüringen tödlich verunglückt. Der Trabant war beim Überholen mit einem 40-Tonner frontal zusammengestoßen. Die Fahrerin wurde schwer verletzt in die Klinik gebracht.

Samstag, 18. November

Am zweiten Wochenende nach der Öffnung ging es noch mal richtig zur Sache. Es folgten die Öffnungen der Übergänge zwischen Frieda und Großtöpfer, Heldra und Treffurt, Bad Sooden-Allendorf und Wahlhausen sowie Rittmannshausen und Ifta. Hier spielten sich mit zeitlicher Verzögerung die gleichen Jubelszenen ab. Bis zum Jahresende folgten die Übergänge zwischen Hessen und Thüringen im Kreisgebiet. In Kella wurde im Dezember mit einem Volksfest geöffnet.

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