Denkmalgeschütztes Gebäudeensemble kommt im Dezember unter den Hammer

Alter Bahnhof wird versteigert

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Die Kellerräume stehen teilweise unter Wasser, Gräser wachsen im Kopfsteinpflaster und junge Birken erobern sich neue Lebensräume, während vorne ICEs vorbeidonnern. Nun soll der Dornröschenschlaf des Bahnhofgebäudes ein Ende finden.

Herleshausen. Das Berliner Auktionshaus Karhausen versteigert im Rahmen seiner Winterauktion den leerstehenden Bahnhof in Herleshausen. Das Gebäude ist geschichtsträchtig. In den 1950er Jahren kamen hier die letzten deutschen Kriegsgefangenen an.

Der um 1907 erbaute Bahnhof ist vor allem Historikern und Geschichtsinteressierten ein Begriff. Ab dem 12. Oktober 1955 kamen dort in Sonderzügen die letzten deutschen Kriegsgefangenen aus Russland an, deren Freilassung Bundeskanzler Konrad Adenauer im September 1955 erreicht hatte. Am Bahnhofsgebäude erinnert eine Messingtafel unterhalb des Bahnlogos an die 7796 Heimkehrer. Das macht den Bahnhof zu einem bedeutenden Gebäude deutscher Nachkriegsgeschichte der 1950-er-Jahre.

Dieser Tatsache geschuldet, sollte das denkmalgeschützte Gebäude vor Jahren bereits in ein Museum beziehungsweise in einen „Bahnhof der Zeitgeschichte“ umgewandelt werden. Denn im Kalten Krieg wurden dort auch Spione und Gefangene ausgetauscht.

Aus allen Plänen wurde nichts, und mittlerweile dient der Bahnhof nur noch den Busfahrern des Regionalverkehrs Kurhessen als Aufenthaltsraum, nachdem auch die Wohnungen im neueren Gebäudeflügel seit 2007 leerstehen.

Die Gemeinde Herleshausen kann den Bahnhof nicht kaufen. Zu viele Auflagen, die der Schutzschirm auferlegt hat, und zu wenig Geld in der Gemeindekasse. „Wir haben kaum Geld zur Bauerhaltung des jetzigen Bestands“, sagt Bürgermeister Burghard Scheld. In den Verwaltungsgebäuden in der Bahnhofsstraße müsse die Heizung erneuert werden, die noch aus den Siebziger Jahren stammt. „Da ist für einen Neuerwerb sowieso kein Geld da.“ Scheld ist sich nicht einmal sicher, ob das Gebäude bei der Auktion am 7. Dezember überhaupt versteigert wird. Es habe vor Jahren bereits zum Verkauf gestanden, nur einige hundert Euro teurer, erinnert sich Scheld.

„Wir versteigern inzwischen jedes Jahr rund 50 Bahnhöfe für die Deutsche Bahn“, sagt Matthias Knake vom Auktionshaus Karhausen. Ein vielschichtiges Klientel vom Gastwirt bis zum Künstler interessiere sich für solche Gebäude, und gerade das mache Bahnhofs-Auktionen so spannend, sagt der Auktionator.

Auch Sybille Buschhardt vom Regionalbüro des Auktionshauses in Leipzig ist sich sicher, dass der Bahnhof verkauft werde: „Wir haben bereits einen Interessenten mit ernsten Kaufabsichten, einen Besichtigungstermin hat es aber noch nicht gegeben.“

Über mögliche Nutzungskonzepte dieses Interessenten für den Bahnhof konnte Buschhardt aber nichts sagen. Der 510 Quadratmeter große Bau mit 1580 Quadratmetern Grundstück ist bereits ab 7500 Euro zu haben. Es bleibt die Hoffnung, dass aus dem geschichtsträchtigen Bahnhof nicht doch eine der zahllosen, ehemals schmuckvollen Ruinen mit Gleisanschluss wird.

Von Wolfram Skupio

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