Kindergarten Herleshausen stellt Busdienst ein / Eltern fühlen sich bevormundet

„Die Sicherheit geht vor“

Eltern, die ihre Kinder nicht selbst zum Kindergarten fahren können, konnten sich bisher darauf verlassen, dass die Kleinen vom Kindergartenpersonal an der Bushaltestelle abgeholt werden. Diesen Service gibt es nun nicht mehr. Foto: Archiv

Herleshausen. Über 30 Jahre hinweg haben die Erzieherinnen des Evangelischen Kindergartens in Herleshausen jene Kinder, die mit dem Bus kamen, von der Haltestelle abgeholt und wieder hingebracht. Freiwillig. Dieser Busdienst ist seit Anfang des Jahres eingestellt - trotz großer Protest der Eltern.

„Ich würde mein Kind auch lieber mit dem Auto zur Schule fahren, als es in einen öffentlichen Bus zu setzen, aber es gibt Eltern, denen das aus beruflichen oder anderen Gründen nicht möglich ist“, klagt eine Mutter. Die Eltern, so sagt sie, vermuten, dass der Kindergartenleitung lediglich der Aufwand für ein oder zwei Kinder zu hoch ist.

Früher waren es mal fünf und mehr Kinder, die mit dem Bus kamen. Ab April wird es sogar nur noch ein Kind sein. Den Grund, dass es so ist, sieht die Elternbeiratsvorsitzende, Lilli Röth, im Verhalten des Trägers Pfarrer Martin von Frommannshausen: „Uns Eltern wurde über Wochen regelrecht eingeredet, wir würden verantwortungslos handeln, indem wir unsere Kinder alleine mit dem Bus fahren lassen“, sagt sie.

Als Mutter aber kenne sie ihre Kinder und wisse, was man ihnen zutrauen können und was nicht. Manche Eltern hätten sogar mehrere Testfahrten mit ihren Kindern im Vorfeld gemacht. „Ich habe schon von Eltern gehört, die ihre Anmeldung für den Kindergarten zurückgenommen haben, weil es den Busdienst nicht mehr gibt“, sagt sie. Die Betreuungseinrichtung habe an Attraktivität eingebüßt.

„Wir fühlen uns als verantwortungslos abgestempelt, weil wir unsere Kinder mit dem Bus fahren lassen.“

Lilli Röth, elternbeirat

Die Bushaltestelle befindet sich wie der Kindergarten in der Schulstraße. Von dort geht es rund 200 Meter den Berg hoch bis zum Haupteingang der Betreuungsstätte. Eine Hauptstraße ist es nicht, aber eine gerade zu den Bring- und Holzeiten für den Kindergarten und die benachbarte Südringgauschule stark befahrene Strecke.

Oberhalb der Bildungseinrichtungen befindet sich zudem ein Altersheim, das beliefert wird und Besucherverkehr mit sich bringt. Viele Eltern sind deshalb besorgt um die Sicherheit ihrer Kinder.

Der Träger des Kindergartens und die Kindergartenleitung argumentieren auch mit dem Aspekt der Sicherheit, aber aus einer anderen Perspektive: „Wir wollen diese Verantwortung in Zukunft nicht mehr übernehmen“, sagt Einrichtungsleiterin Renate Materne. Zu viele Probleme seien in der Vergangenheit aufgetreten. So seien mehrmals Kinder im Bus eingeschlafen und hätten ihre Haltestelle verpasst.

„Diese Kinder sind zum Teil bis nach Eschwege mitgefahren“, erinnert sich Materne. Auch seien schon Kinder früher ausgestiegen und zur Oma gegangen. „Dann warten wir im Kindergarten und wissen nicht, wo das Kind ist“, klagt die Leiterin.

Auch Pfarrer Martin von Frommannshausen will seinem Personal die Verantwortung abnehmen. „In der ganzen EU gilt die Anschnallpflicht, im Bus nicht. Das ist ein Risiko für so kleine Kinder“, sagt er. Das Risiko, dass ein Kind beim Bremsen des Busses vom Sitz rutscht oder aus einer ungewohnten Situation heraus Panik bekommt, sei ihm zu hoch.

In Bayern, argumentiert er, sei das Befördern von Kindergartenkindern in öffentlichen Verkehrsmitteln ohne Aufsicht verboten. Das Regierungspräsidium Kassel spricht sogar von einer „Aufsichtslücke“ und einer möglicherweise daraus resultierenden „Aufsichtspflichtverletzung“.

Die neue Regelung ist ein Kompromiss: Ohne Begleitung dürfen die Kinder nun über das Schulgelände und einen Wiesenweg von hinten über den Garten in den Kindergarten laufen. Somit ist der Weg entlang der Straße kürzer. An der Hintertür werden sie von einer Erzieherin in Empfang genommen. Am Nachmittag werden die Kinder nach wie vor zur Bushalte-stelle gebracht.

„Wir wollen diese Verantwortung in Zukunft nicht mehr übernehmen.“

Renate Materne, Kiga

Die Gemeinde vertritt eine klare Meinung: „Wenn es nach uns ginge, hätte dieser Busdienst weiter bestehen können“, sagt Bürgermeister Burkhard Scheld. Einen freiwilligen Serviceabbau halte er in Zeiten von strengen Pflichtsparvorgaben nicht für notwendig.

Von Stefanie Müller

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