„Das hat keiner verdient“

Familie in Weißenhasel wartete acht Stunden, bis ein Arzt zur Leichenschau kam

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Trauer gehört zum Tod: Wenn ein Angehöriger verstirbt, ist das häufig eine belastende Situation. Aber auch Formelles wie der Totenschein gehört dazu.

Weißenhasel. Eine Familie aus dem Nentershäuser Ortsteil Weißenhasel hat kürzlich acht Stunden darauf warten müssen, dass ein Arzt zur Leichenschau kam

Für Georg und Gisela Pankow war es der schwerste Tag seit Langem: Die Mutter von Gisela starb Anfang des Monats im Alter von 95 Jahren in ihren Armen – in dem Haus in Weißenhasel, in dem die Frau bis zuletzt alleine lebte. Anstatt in Ruhe trauern zu können, begannen für die Familie acht Stunden voller Missverständnisse und Hilflosigkeit um die Frage: Wer stellt den Totenschein aus? 

Gegen Mittag wählten Pankows den Notruf. Eine Notärztin vom Deutschen Roten Kreuz in Nentershausen war schnell vor Ort. „Die Frau war sehr verständnisvoll und hat uns beruhigt“, sagt die Weißenhaselerin. Eine vorläufige Todesbescheinigung wurde ausgestellt. Doch dann begannen die Probleme.

Zuständig für die Leichenschau ist der Hausarzt. Doch die 95-Jährige hatte keinen mehr, seitdem ihrer vor rund einem Jahr in den Ruhestand gegangen war. „Ich hatte bei mehreren Allgemeinmedizinern in der Umgebung angefragt, ob sie meine Mutter als neue Patientin annehmen. Das wollte aber keiner.“ Teilweise sei die Begründung der Ärzte explizit das hohe Alter der Frau gewesen.

Die Notärztin rief also in der Praxis von Dr. Reza Nadjm in Nentershausen an. Von dort kam die Mitteilung, der Arzt werde zur Leichenschau kommen. Daraufhin verabschiedete sich die Notärztin. Doch kurz darauf kam der Rückruf aus der Praxis: Der Arzt kommt doch nicht. „Eine Begründung dafür haben wir nicht bekommen“, sagt Georg Pankow.

Reza Nadjm spricht von einem Missverständnis. Eine Angestellte habe den Anruf der Notärztin entgegengenommen, er habe erst danach davon erfahren. „Es war nicht meine Patientin, ich war nicht zuständig“, sagt der Arzt gegenüber unserer Zeitung.

Das Ehepaar und der Sohn versuchten es daraufhin selbst telefonisch bei einigen Allgemeinmedizinern, erhielten aber überall eine Absage. In ihrer Not riefen Pankows dann auch über die Notrufnummer 112 bei der Rettungsdienst-Leitstelle des Kreises Hersfeld-Rotenburg an und später bei der Polizei. Nachdem auch Leitstelle und Polizeistation Rotenburg miteinander Kontakt hatten, kam schließlich die Auskunft: Um 19 Uhr kommt ein Arzt zur Leichenschau.

Daraufhin bestellte die Familie für diese Uhrzeit auch eine Bestatterin. Doch um 19 Uhr war nur diese da, aber kein Arzt. „Das war furchtbar. Meine Mutter ist zwar nicht unerwartet gestorben. Aber dass sie dann stundenlang dalag und niemand kam, das hat sie nicht verdient. Das hat keiner verdient“, sagt Gisela Pankow.

Bis zur Leichenschau dürfen die Verstorbenen nicht bewegt werden. „Die Bestatterin hat uns dann sehr unterstützt und beruhigt.“ Sie rief nach einer Dreiviertelstunde über die Telefonnummer 116117 den Ärztlichen Bereitschaftsdienst. „Die wussten von nichts. Dort wurden uns dann noch Vorwürfe gemacht, warum wir uns denn erst so spät melden.“ Doch der Bereitschaftsdienst schickte einen Arzt – der war schließlich gegen 21 Uhr anwesend.

„Wo kommen wir denn da hin? Kann man jetzt nur noch im Krankenhaus sterben?“, fragt Gisela Pankow. Die Abläufe des Sterbetages ihrer Mutter machen sie auch heute immer noch wütend.

Fragen und Antworten: So sind die Abläufe bei einer Leichenschau

Wie sind die Abläufe, wenn ein Angehöriger stirbt? Wer stellt den Totenschein aus, und wann kommt die Polizei ins Spiel? Dazu Fragen und Antworten.

Ist klar geregelt, wer wann für die Leichenschau zuständig ist? Ja und nein. Laut hessischem Friedhofs- und Bestattungsgesetz, Paragraf 10, ist jeder niedergelassene Arzt „auf Verlangen zur Vornahme der Leichenschau verpflichtet“. Gleiches gilt für Ärzte in Krankenhäusern und „sonstigen Anstalten“ – dort gibt es in der Regel keine Probleme. Bei Sterbefällen in den eigenen Räumen kommt normalerweise der Hausarzt – auch wenn das nicht explizit im Gesetz steht. Wenn dieser nicht zu erreichen ist oder der Verstorbene keinen hatte, gibt es keinen klar benannten Ansprechpartner. Tagsüber an Werktagen kann jeder niedergelassene Arzt gerufen werden; das schließt Ärzte aller Fachrichtungen ein, also etwa auch Augenärzte, Psychiater und Orthopäden. Man könne sich prinzipiell „greifen“, wen man will, sagt Karl Roth, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen.

Kann ein Arzt eine Leichenschau ablehnen?

„Ein Notfall hat natürlich immer Vorrang vor einer Leichenschau, ein volles Wartezimmer aber nicht“, sagt Michael Schaich, Pressesprecher des Hessischen Innenministeriums. Ein Hausarzt muss also für eine Leichenschau gegebenenfalls seine Praxis verlassen, auch wenn gerade viele Patienten warten. Der Arzt habe auch ein eigenes Interesse daran, möglichst schnell vor Ort zu sein, „weil die Person möglicherweise noch nicht verstorben ist“. Diese Begründung kritisiert Michael Andor, Präsidiumsmitglied der Landesärztekammer Hessen. „Wenn ich an diese These glaube, muss ein Notarzt hingeschickt werden.“

Wer ist nachts und am Wochenende zuständig?

In solchen Fällen gibt es einen klaren Ansprechpartner: den Ärztlichen Bereitschaftsdienst. Der ist unter der Telefonnummer 116117 zu erreichen.

Wird es besonders oft problematisch, wenn ein Verstorbener keinen Hausarzt hatte?

Ja. Der Grund dafür ist, dass eine Leichenschau sehr aufwendig ist – umso mehr, wenn der Arzt die Vorerkrankungen nicht kennt. „Viele Todesursachen, wie beispielsweise Vergiftung, Herzinfarkt und innere Blutungen, sind äußerlich nicht zu erkennen“, sagt Landesärztekammer-Vertreter Andor. Eine Leichenschau ist keine Obduktion, bei der spezialisierte Pathologen die Leiche öffnen – das können die Ärzte vor Ort auch gar nicht. „So sind wir gezwungen, auf dem Totenschein Dinge zu beurkunden, die wir eigentlich nur vermuten können“, sagt Andor.

Was stört die Ärzte an der derzeitigen Regelung?

„Die Todesfeststellung sollte eigentlich genauso wie Geburten eine Amtshandlung sein. Das müsste über die Gesundheitsämter strukturiert werden“, sagt Andor. Das hält Dr. Martin Ebel aus Bad Hersfeld, der Vorsitzender des Bezirkes Hersfeld-Rotenburg des Hausärzteverbandes ist, für nicht durchführbar. „Die Gesundheitsämter wissen schon jetzt nicht, wo sie ihr Personal herbekommen sollen und müssen niedergelassene Ärzte wie mich aushilfsweise beschäftigen“, sagt er. In einem anderen Punkt sind sich Andor und Ebel aber einig: Leichenschauen werden zu gering vergütet. 51 Euro bekommt ein Arzt dafür. „Das ist lächerlich. Die besondere Belastungssituation und der Aufwand müssten angemessener honoriert werden“, sagt Ebel.

Was sagt das Gesundheitsamt?

Schon jetzt ist das Gesundheitsamt für Leichenschauen zuständig, wenn dafür kein niedergelassener Arzt erreicht werden kann. Das kommt aber nur äußerst selten vor. 14 Leichenschauen habe das Gesundheitsamt Hersfeld-Rotenburg seit 2014 durchgeführt, sagt Leiter Peter Artelt. Dass das Gesundheitsamt standardmäßig zuständig werden könnte, wie Andor vorschlägt, ist für Artelt nicht vorstellbar. „Dadurch bräuchte mindestens ein Arzt fest eine dreiviertel Stelle“, sagt er.

Wie ist denn nun das korrekte Vorgehen, wenn man einen Toten auffindet?

Zuerst über 112 den Notarzt anrufen. Der stellt eine vorläufige Todesbescheinigung aus. Dann die Polizei verständigen – die versucht, den zuständigen Hausarzt oder einen anderen Arzt zu erreichen. Nur wenn die Polizei keinen Arzt erreicht, der kommen kann, verständigt sie das Gesundheitsamt, dass dann einen schickt.

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