Von Spitzeln und Spionen

Überwältigender Andrang beim Beratungs- und Infoangebot zur Stasi 

Herleshausen. Spionierte der Nachbar für die Stasi? Gab ein guter Freund der Familie Brisantes an den Staatsapparat weiter? Die eigene Geschichte entschlüsseln, 28 Jahre nach dem Mauerfall endlich Antworten finden – eben diese Chance haben Hunderte am Donnerstagnachmittag in Herleshausen genutzt.

Aus der Gemeinde selbst, den thüringischen und hessischen Nachbarkreisen, sogar aus Frankfurt am Main und Ravensburg (Oberschwaben) reisten Betroffene an, um das Beratungs-, Informations- und Vortragsangebot „Wie kann ich meine Stasi-Akte einsehen“ zu nutzen.

Fachkundig beraten wurden die Interessierten vom Trio Sylvia Lechner und Sabine Frankenberg von der Stasi-Unterlagenbehörde in Erfurt sowie Matthias Morawski, Leiter der Beratungsinitiative SED-Unrecht. Trotz schier nicht enden wollender Menschenschlangen vor dem Konferenzzimmer der Herleshäuser Mehrzweckhalle nahmen sie sich gern und ausführlich Zeit für jeden einzelnen Fall: „Die Menschen wollen kein Stück Papier mehr sein“, sagt Sylvia Lechner. „Sie wollen gehört werden, sich den Ballast von der Seele reden – und in manchen Fällen auch Beistand finden.“ Wer beispielsweise in der DDR inhaftiert worden sei, erlebe die Leidenszeit im Gespräch noch einmal.

Neben dem Prozedere zur Antragsstellung auf Einsicht in die eigene Stasi-Akte sei viel zu den Möglichkeiten der Rehabilitierung gefragt worden, sagt Matthias Morawski. Ob straf- oder verwaltungsrechtliche Problematiken oder die Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht im Beruf – keine Frage blieb unbeantwortet.

„Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde und dem Werratalverein, Zweigverein Südringgau, lief bereits im Vorfeld hervorragend“, lobt Sylvia Lechner die Organisation. Letzterer unter Vorsitz von Helmut Schmidt hatte sich mit großem persönlichen Einsatz dafür stark gemacht, das Angebot nach Herleshausen zu holen. Der Vereinsvorsitzende Helmut Schmidt war es auch, der Wolfgang Brunner, Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde in Erfurt, als Vortragsredner gewann. Mehr als 300 Herleshäuser kamen am Abend in die Mehrzweckhalle, in die wegen der unerwartet großen Resonanz ausgewichen werden musste, um dem Referat „Die Stasi im mittleren Werratal“ zu lauschen.

„Mit diesem überwältigenden Erfolg“, bilanziert Helmut Schmidt, „hatte wohl niemand gerechnet“.

Stasi-Unterlagen-Behörde in Erfurt

In der Außenstelle Erfurt der Stasi-Unterlagen-Behörde (BstU) werden alle überlieferten Unterlagen der Stasi des ehemaligen Bezirks Erfurt verwahrt, erschlossen und genutzt. Insgesamt lagern im Archiv der Außenstelle 4500 laufende Meter Akten und 2,5 Millionen Karteikarten. Zur Hinterlassenschaft gehören auch rund 300 Säcke mit zerrissenem Material. Jedermann hat das Recht auf Zugang zu den Unterlagen, die das Ministerium für Staatssicherheit über seine Person angelegt hat. 

Die Anträge auf Akteneinsicht könnnen jederzeit bei den Mitarbeitern der Außenstelle eingereicht werden. Die Formulare stehen unter der Internetadresse www.bstu.de bereit. Zusätzlich bedarf es einer Identitätsbestätigung. 

• Kontakt: BStU-Außenstelle Erfurt, Petersberg Haus 19, 99084 Erfurt. Telefon: 0361/ 5 51 90; E-Mail: asterfurt@bstu.bund.de. Geöffnet montags bis donnerstags, 8 bis 17 Uhr, sowie freitags 8 bis 14 Uhr. (esp)

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