Erinnerungen auf Schritt und Tritt

15 weitere Stolpersteine werden in Nesselröden verlegt 

Emotional: In Nesselröden erinnern insgesamt 39 Stolpersteine an ehemalige jüdische Mitbürger. Die Verlegung der letzten 15 übernahm Andreas Deist – Aktionskünstler und Stolperstein-Initiator Gunter Demnig war verhindert. Foto: Spanel

Nesselröden. Über diese Steine stolpert nicht der Fuß, sondern der Kopf.

15 weitere Bronzequader, am Freitagnachmittag eingelassen in das Pflaster vor fünf Nesselröder Wohnhäusern, machen künftig jedermann darauf aufmerksam: In diesem Haus wohnte einst ein Unschuldiger, der von den Schergen des Nazi-Regimes verschleppt, seiner Freiheit beraubt und umgebracht wurde.

Quadratisch und goldglänzend stechen die 15 Stolpersteine aus dem Grau der Gehwege vor den Adressen Badegasse 9 und 14, Im Winkel 4, Wildengraben 3 und 5 heraus. Es werden die letzten sein, die im Herleshäuser Ortsteil Nesselröden verlegt worden sind, sagt Helmut Schmidt, Vorsitzender des Arbeitskreises Stolpersteine. „Seit Beginn der Aktion 2013 hat das Interesse Jahr für Jahr spürbar zugenommen“, so Schmidt, der insbesondere das Engagement der Historiker Hans Isenberg (Langenhain) und Dr. Karl Kollmann (Bischhausen) hervorhob, die mit ihren Recherchen einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der jüdischen Geschichte Herleshausens und Nesselrödens geleistet haben. Ebenfalls würdigte Schmidt die Verdienste Thomas Becks, Vorsitzender des Heimatvereins Datterode, und die umfangreichen Recherchearbeiten des Dekans Dr. Martin Arnold.

Stolpersteinverlegung in Nesselröden

„Das Wichtigste aber ist“, sagte der Arbeitskreis-Vorsitzende, dass der Rückhalt aus der Gemeinde ungebrochen groß sei. Nie hätten die Mitglieder des Arbeitskreises etwa um Spenden bitten müssen, und auch die Patenschaften für die insgesamt 94 verlegten Steine innerhalb der Gemeinde seien gesichert. Positiv gestimmt sehe er nun der Verlegung der 13 letzten Steine in Herleshausen entgegen, schloss Helmut Schmidt.

Das Schaffen einer Erinnerungskultur lobte Herleshausens Bürgermeister Burkhard Scheld: „Die Nachkommen dieser Menschen suchen bis heute nach den Wurzeln ihrer Familien.“ Wer einer solchen Begegnung mit der Vergangenheit habe beiwohnen dürfen, verstehe, wie wichtig die Erinnerung an die ehemaligen Mitbewohner der Gemeinde sei.

Wilhelm und Henriette Katz

Viehhändler Wilhelm Katz wird 1878 in Nesselröden geboren. Katz ist Vorsteher der Synagogengemeinde und als vertrauenswürdiger Mann in Erinnerung geblieben. 1906 heiratet er Henriette Katz. 1938 flüchtet das Ehepaar mit Tochter Lotte nach England. Die Stein-Patenschaft vor dem Haus an der Badegasse 14 übernimmt die Freiwillige Feuerwehr Nesselröden.

Käthe Kohn, Lotte Dixon und Karl Katz

Käte, Lotte und Karl sind die Kinder des Ehepaars Wilhelm und Henriette Katz. Alle drei verleben eine glückliche Kindheit in Nesselröden. Nun erinnert jeweils ein Stolperstein vor dem Haus Badegasse 14 an sie.

Ida Katz und Bertha Katz

Ida Katz wird 1876 in Nesselröden geboren. 1944 wird sie in das Ghetto Teresienstadt deportiert, wo ihr Tod am 21. April registriert wird. Die Patenschaft für ihren Stolperstein an der Badegasse 9 übernimmt Gerald Warneke. Ebenfalls wird dort an ihre Schwester Bertha Katz erinnert. Die Hausangestellte wird 1942 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. Sie stirbt dort am 3. Juni.

Sara Weinberg, Rebekka Meyer

Sara Weinberg ist die Schwester von Wilhelm Katz. 1879 wird sie in Nesselröden geboren. 1938 wird sie im Zuge der „Polenaktion“ ausgewiesen. Ihr Schicksal bleibt unbekannt. Die Patenschaft für den Stein an der Badegasse 14 übernimmt Pfarrerin Katrin Klöpfel. In das Ghetto Izbica (Polen) deportiert worden ist Rebekka Meyer, ebenfalls eine Schwester von Wilhelm Katz. Sie verstirbt am 15. Juni 1942.

Max Klebe

Vor seinem Geburtshaus an der Straße Im Winkel 4 in Nesselröden wird mit einem Stolperstein an Max Klebe erinnert. In Eisenach ist Klebe mit seinem Vater Alexander und seinem Bruder Salomon im Fellhandel tätig. Max Klebe wird am 20. September 1942 über Weimar, Halle und Leipzig nach Theresienstadt deportiert. Im dortigen Ghetto wird er am 12. August 1944 ermordet.

Honet Wolf, Emma Schlosser

Honet Wolf (geboren 1861) ist als Viehhändler in Nesselröden tätig. Seine Kindheit verbringt er im Haus Im Winkel 4. 1942 wird er in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er 1943 ermordet wird. Seine Tochter Emma, verheiratete Schlosser, wird mit ihrem Ehemann Max und ihrem Sohn, ebenfalls mit dem Namen Max, in das Ghetto Riga deportiert. Dort wird ihre ganze Familie ausgelöscht – am 8. Mai 1945.

Stolpersteinverlegung in Nesselröden

Emma Stern

Emma Wolf ist die Jüngste von drei Töchtern des Viehhändlers Salomon Wolf, eines Bruders von Honet Wolf. Sie heiratet den Viehhändler Kaufmann Stern. Emma Stern wird am 10. Mai 1942 in das Ghetto Belzyce in Polen deportiert. Ihr Todesdatum wird im Gedenkbuch mit „1942“ angegeben. Mit einem Stolperstein vor dem Haus am Wildengraben 3 wird nun an sie erinnert.

Sara Levy und Ferdinand Müller

Sara Müller wird 1858 in Nesselröden geboren. Sie heiratet Samuel Levy. Sara Levy wird nach Theresienstadt deportiert und am 20. April 1943 ermordet. Die Stein-Patenschaft am Haus Wildengraben 5 übernimmt Maik Klotzbach. Erinnert wird hier auch an Bruder Ferdinand Müller. Stolperstein-Pate ist Uwe Hartmann.

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