Sieben Jahre auf Vater gewartet

Dr. Hans-Peter Marsch erinnert sich an Ankunft der Spätheimkehrer

Familiengeschichte: Die Originaldokumente – wie das erste Familienbild der Marschs nach der Rückkehr des Vaters Erich und die Telegramme aus Russland – hat Hans-Peter Marsch bis heute archiviert und verwahrt. Im Hintergrund ist ein Portrait von Sanitätsrat Emil Marsch zu sehen, der die Herleshäuser Arztpraxis begründet hat. Foto: Spanel

Herleshausen. Das Läuten der Kirchenglocken gab in den 1950-er Jahren das Signal: Genau erinnert sich Dr. Hans-Peter Marsch an die aufgeregt-gespannte Stimmung, die ganz Herleshausen dann erfasste.

„Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Dorf“, erinnert sich der heute 71-jährige Mediziner. „Denn der Klang der Glocken kündigte die Ankunft eines Spätheimkehrer-Zuges an – und das auch mal mitten in der Nacht.“

Die emotionalen Szenen auf dem Bahnsteig hat Marsch bis heute nicht vergessen: „Banges Hoffen, Trauer, Enttäuschung und pures Glück lagen dicht beieinander“, sagt Marsch. Der damals Neunjährige sog die Gefühle in sich auf, beobachtete weinende Väter, die zwischen von Rot-Kreuz-Damen hergerichteten Tischen ihre Familien wieder in die Arme schlossen. Der Anblick mancher Lagerarbeiter schockierte den jungen Marsch: „Sie hatten Glatzen“, schrieb er damals in einem Brief, den er bis heute sorgfältig im Familienarchiv verwahrt hat. „Einer hat einen Herzanfall bekommen. Er wurde ganz lilablau.“

Die Familie Marsch – Mutter Ilse, Hans-Peter sowie seine drei Geschwister – warteten selbst sieben lange Jahre auf die Rückkehr des Vaters Erich. „Er war der letzte Heimkehrer aus Herleshausen“, sagt Marsch heute. Weil Erich Marsch Arzt war, wurde er ab 1944 im Gefangenenlager Uljanowsk festgehalten, wo er die kranken Arbeiter medizinisch versorgte – und nicht wenigen das Leben rettete.

„Als das Telegramm kam, dass er Anfang des Jahres 1950 zurückkehren würde, war die ganze Nachbarschaft in Aufruhr“, erinnert sich der 71-Jährige mit einem Lächeln. „Alle halfen meiner Mutter, das Haus herzurichten und eine Willkommens-Girlande aufzuhängen.“ Als er seinem Vater schließlich das erste Mal gegenüberstand, sei er ihm vor Freude in die Arme gesprungen. „Er war mir in keinster Weise fremd“, sagt Marsch. „Meine Mutter hatte immer viel von ihm erzählt, sodass er in Gedanken immer bei mir war.“ Erich Marsch kam nach seiner Rückkehr zunächst zur Rehabilitation auf Schloss Wolfsbrunnen. Später schrieb er sich seine Gedanken von der Seele. Bis zum heutigen Tag hat Hans-Peter Marsch jeden Bericht, jedes Gedicht und jede Postkarte seines Vaters archiviert und in Ehren gehalten.

• Mehr zur Geschichte der Spätheimkehrer soll es in Kürze im neugegründeten „Grenzbahnhof für Zeitgeschichte“ in Herleshausen geben. 

Von Emily Spanel

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