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Wo der Grenzzaun seinen Schatten warf: Werratalverein dokumentiert erlebte Geschichte

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Von: Emily Spanel

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Die ersten Spätheimkehrer, die ab 1953 am Bahnhof Wartha ankommen, müssen noch zu Fuß zum Grenzübergang laufen. Schüler aus Herleshausen empfangen sie am „Weißen Strich“.
Die ersten Spätheimkehrer, die ab 1953 am Bahnhof Wartha ankommen, müssen noch zu Fuß zum Grenzübergang laufen. Schüler aus Herleshausen empfangen sie am „Weißen Strich“. © Foto: C. Eberth/ Archiv DRK Herleshausen

Herleshausen hat einen besonderen Platz in der Weltgeschichte. Der örtliche Werratalverein hat diesen nun aufwendig dokumentiert.

Herleshausen – Heute kann jeder bis ans Ende der Welt gehen – und dann einfach weiter. Oder man bleibt und erkundet es. Dieses gefühlte Ende der Welt, das war lange Zeit dort, wo der Grenzzaun seinen Schatten warf: entlang der Orte Herleshausen, Gerstungen, Pferdsdorf und Ifta bis hin zum Heldrastein.

Geblieben, das sind die Mitglieder des Werratalvereins, Zweigverein Südringgau, Helga Gogler, Helmut Schmidt und Christoph Wetterau. Das Redaktionsteam ist tief verbunden in seinem Interesse für die gemeinsame Heimat Herleshausen. Das Trio erforscht die Geschichte, sammelt Dokumente und Erinnerungen. Die nun erschienene, 176 Seiten starke Dokumentation „Wo der Grenzzaun seinen Schatten warf – Erlebte Geschichte an der Grenze zwischen 1945 und 1989“ ist das Ergebnis von akribischen Recherchen auch in Stasi-Archiven, in Akten, in privaten Bildersammlungen, in Presseberichten, in aufwühlenden Gesprächen mit Zeitzeugen.

Die Grenzgeschichten

„Die Geschichten der Generation, welche die deutsch-deutsche Teilung miterlebt hat, müssen genau jetzt gehört und festgehalten werden“, sagt Christoph Wetterau – „sonst ist es schlicht zu spät.“ Wieder zu Tage gefördert, haben die Herleshäuser so schier unglaubliche Erlebnisse, die knapp unter der Oberfläche in der Erinnerung vergraben gelegen haben – abrufbereit, zum Vergessen zu schrecklich. Geschichten von Spionen, die enttarnt wurden, von Fluchtversuchen und Heimkehrern sowie vom gegenseitigen Beobachten. Kurz: Sie haben etwas unschätzbar Wertvolles geschaffen.

Die Anfänge

Die aktuelle Dokumentation ist bereits die zweite Sonderausgabe des Werratalvereins, Zweigverein Südringgau. „Schon im Jahr 2014 hatte es sich das Redaktionsteam zur Aufgabe gemacht, Informationen zum Thema ,Die innerdeutsche Grenze im Wandel der Zeit‘ in einer Sonderausgabe der Vereinszeitschrift ,Das Werraland‘ zusammenzufassen“, sagt der Vereinsvorsitzende Helmut Schmidt. Ziel war damals die Veröffentlichung eines Heftes mit einem Umfang von 80 Seiten. „Doch schon kurz nach Beginn der Arbeiten stellte das Team fest, dass die Menge der zur Verfügung stehenden Daten sich nicht in der anvisierten Seitenzahl unterbringen lassen würde“, erklärt Helmut Schmidt.

Um möglichst viele der Geschichten, Fotos, etc. der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und für die Nachwelt erhalten zu können, entschied man sich anstelle des Heftes für die Buchform und die Herausgabe in mehreren Bänden. Im Dezember 2015 erschien Band 1. Die Nachfrage der Bestseller übertraf alle Erwartungen, und so war die Auflage von 5000 Exemplaren schnell vergriffen.

Der Inhalt

Der jetzt vorliegende Band 2 setzt beim Inhalt mit einer ausführlichen Beschreibung der Grenzübergänge Herleshausen und Wartha, der Eisenbahn im Grenzgebiet, den Häftlingsfreikäufen, der Ankunft der Spätheimkehrer aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft und den Aktivitäten der Stasi rund um Herleshausen neue Schwerpunkte. Auch die aus Band 1 bekannten Grenzgeschichten zu diesen Themen fehlen nicht. „Ein ganz herzlicher Dank geht an die einzelnen privaten Autoren für ihre Zuarbeiten“, sagt Helga Gogler. Ihre Beiträge sind es, die die vorliegende Dokumentation ihre Einzigartigkeit und Unmittelbarkeit verleihen.

Klaus Gogler sind die detailreichen Kartengrundlagen zu verdanken; Pfarrer i.R. Ernst-Bernd Klemm und Ursula Rauschenberg, ehemalige Leiterin der Südringgauschule, haben die redaktionelle Korrektur der Textentwürfe übernommen.

Die Fotos

Allein wegen der fotografischen Zeitdokumente lohnt sich ein Blick in die Sonderausgabe: Hier findet sich nie zuvor veröffentlichtes Material; ja Bilder, die in der ehemaligen DDR „eigentlich nie hätten gemacht werden dürfen“, so Helmut Schmidt.

Grenzdokumentation ist jetzt erhältlich 

Wer Band 1 der Sonderausgabe des „Werralands“ bestellt und erhalten hat, ist automatisch auch auf der Empfängerliste für den nun herausgegebenen zweiten Band vermerkt. Mitglieder befreundeter Werratalvereine etwa im Raum Eisenach, Treffurt und Lauchröden unterstützen die Herleshäuser derzeit bei der Auslieferung der Dokumentationen. „Weiterhin erfahren wir Unterstützung von Tourismusbüros, etwa in Creuzburg“, sagt Helmut Schmidt.

Wer sich für Band 2 „Wo der Grenzzaun seinen Schatten warf“ interessiert, kann sich bei Helmut Schmidt in Herleshausen melden. Kontakt: E-Mail: helmut@schmidt-hlh.de; Telefon: 05654/1010.

(Anmerkung: Band 1 ist bis auf einzelne Rückläufer komplett vergriffen.)

Die Redaktionsmitglieder des Werratalvereins, Zweigverein Südringgau, werden nun die Arbeiten für Band 3 ihrer Grenzdokumentation aufnehmen. Thema wird unter anderem die friedliche Revolution sein

Von Emily Hartmann

Bau der Werratalbrücke: Im Hintergrund der Beginn der Bauarbeiten an der neuen Grenzübergangsstelle Wartha.
Bau der Werratalbrücke: Im Hintergrund der Beginn der Bauarbeiten an der neuen Grenzübergangsstelle Wartha. © Foto: H. Casel
Osterstau im Jahr 1984 auf der Autobahn bei Herleshausen. Auffällig: Auf der Fahrspur aus Richtung DDR ist kaum Verkehr.
Osterstau im Jahr 1984 auf der Autobahn bei Herleshausen. Auffällig: Auf der Fahrspur aus Richtung DDR ist kaum Verkehr. © Foto: privat
Spätheimkehrer auf der „Straße der offenen Herzen“, hier jubelnder Empfang in Netra.
Spätheimkehrer auf der „Straße der offenen Herzen“, hier jubelnder Empfang in Netra. © Foto: Anny Horn
Das Redaktionsteam: (von links) Helmut Schmidt, Helga Gogler und Christoph Wetterau.
Das Redaktionsteam: (von links) Helmut Schmidt, Helga Gogler und Christoph Wetterau. © Emily Hartmann

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