Die weite Welt und wir

Jederzeit in andere Welten eintauchen: Eschwegerin Melanie Künzle lebt seit zehn Jahren in der Schweiz

Hat ihre Auswanderung in die Schweiz nie bereut: Die aus Nordhessen stammende Melanie Künzle lebt seit zehn Jahren in dem Alpenland. Das
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Hat ihre Auswanderung in die Schweiz nie bereut: Die aus Nordhessen stammende Melanie Künzle lebt seit zehn Jahren in dem Alpenland. Das

In unserer Serie „Die weite Welt und wir“ erzählen Menschen aus dem Werra-Meißner-Kreis, die im Ausland leben, ihre persönliche Geschichte.

Oetwil an der Limmat – Fast malerisch zeichnen sich die schneebedeckten Gipfel des Lohner-Massivs vor strahlend blauem Himmel ab. Doch während Minusgrade auf knapp 3000 Metern Höhe den Winter ankündigen, verspricht der goldene Herbst im Talgrund bei Adelboden bestes Wetter für ausgedehnte Wanderungen. Für die gebürtige Eschwegerin Melanie Künzle, die seit mittlerweile zehn Jahren in der Schweiz lebt, sind dies jene Momente, in denen sie ihre Auswanderung gerne Revue passieren lässt und sich sicher ist, alles richtig gemacht zu haben.

Denn obwohl die heute 52-Jährige nie Ambitionen hegte, ihrer nordhessischen Heimat den Rücken kehren zu wollen, hat sie diesen Schritt bis heute nicht bereut: „Ich habe mich schnell eingelebt, fühle mich hier zu Hause und habe tolle Freunde gefunden“, berichtet Künzle, die seit 2010 zusammen mit Ehemann Gérald im 2500-Seelen-Dorf Oetwil an der Limmat – unweit von Zürich – wohnt.

Er war es auch, der die ausgebildete Bankkaufrau nach mehrjähriger Fernbeziehung von einem gemeinsamen Leben in der Schweiz überzeugte, wobei es trotz anfänglicher Zweifel keiner großen Überredungskünste bedurfte, wie sie selbst schmunzelnd zugibt: „Ich war damals in den elterlichen Gastronomiebetrieb eingestiegen und hatte für die Zukunft eigentlich andere Pläne. Aber mein Mann hat das geschickt eingefädelt und mir eine zweite Heimat geschenkt, die ich immer wieder neu kennenlernen darf“, so Künzle.

Dass sie zu keinem Zeitpunkt an eine Rückkehr nach Deutschland gedacht hat, merkt der Zuhörer spätestens dann, wenn die in einem Business-Hotel im Steuerparadies Zug angestellte Front-Office-Leiterin über die Besonderheiten ihrer Wahlheimat spricht: „Das Land bietet eine unglaubliche Vielfalt. Man hat immer das Gefühl, schnell in eine ganz andere Welt eintauchen zu können“, sagt sie und gerät in ihren Erzählungen über Bilderbuchstädte wie Luzern oder die Hochgebirgsregionen im Kanton Wallis regelrecht ins Schwärmen.

Letztere haben es ihr besonders angetan. So oft es berufliche und private Verpflichtungen zulassen, genießt das Paar deshalb kurze Auszeiten inmitten der Schweizer Alpen. „Das Wandern hat sich zu unserer gemeinsamen Leidenschaft entwickelt. Gérald fährt außerdem gerne Ski“, sagt Melanie Künzle, die nach zwei Skiunfällen mittlerweile auf den Pistenspaß verzichten muss, nun aber das Golfspielen als neues Hobby auserkoren hat. Handicap: 31,5. „Da ist noch Luft nach oben, aber Übung macht den Meister“, lautet das sympathische Zwischenfazit.

Gemeinsame Leidenschaft: Melanie Künzle und ihr Ehemann Gérald haben das Wandern für sich entdeckt.

Doch so wohl sie sich auch fühlt, an manchen Tagen packt selbst Künzle die Sehnsucht nach Familie und Freunden in Eschwege: „Das ist doch ganz logisch, natürlich habe auch ich Heimweh.“

Drei bis vier Heimatbesuche sind deshalb Jahr für Jahr fest eingeplant, der nächste über die anstehenden Weihnachtsfeiertage: „Sofern uns die aktuellen Umstände nicht noch einen Strich durch die Rechnung machen“, gibt sich die Auswanderin zumindest vorsichtig optimistisch.

Ein Leben zwischen Viertausendern und Tessiner Flair, statt Blauer Kuppe und Hohem Meißner. Wir haben mit Melanie Künzle gesprochen über:

. . . die Schweizer Mentalität: „Schweizer sind zurückhaltend, höflich und bescheiden. Anfangs jedoch auch distanziert, ohne dabei abweisend zu wirken. Das Vertrauen muss man sich dennoch schrittweise erarbeiten und die Bereitschaft zeigen, sich integrieren zu wollen. Dass mein Mann in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist, hat mir die Eingewöhnung deshalb gerade zu Beginn sehr erleichtert.“

. . . die unverhoffte Internationalität: „Ich war mir der Sprachenvielfalt des Landes vor meinem Umzug durchaus bewusst, von ihrem Ausmaß aber ziemlich überrascht. Mit Englisch alleine kommt man hier nicht weit, wenn man zu den Amtssprachen Italienisch, Französisch und Rätoromanisch auch die vielen Dialekte hinzurechnet. Letztgenannte verstehe ich mittlerweile gut, beim „Schwyzerdütsch“-sprechen halte ich mich hingegen zurück.“

. . . ihren Schweizer Pass: „Den habe ich vor knapp zwei Jahren beantragt und nach bestandenem Einbürgerungstest, für den ich - trotz erleichterter Einbürgerung – wirklich viel lernen musste, im März erhalten. Aber mir war es wichtig, auch selber mitentscheiden und abstimmen zu können. Und das durfte ich kürzlich über den Steuersatz der Gemeinde erstmals, sodass ich mich auch in dieser Hinsicht vollends angekommen fühle.“

. . . kulinarisches Heimweh: „Ich liebe Schweizer Schokolade, Käsefondue und Züricher Kalbsgeschnetzeltes. Aber Ahle Wurst und Graubrot gehören zu den Dingen, die ich selbst nach zehn Jahren noch vermisse. Familienmitglieder und Freunde wissen das zum Glück und sorgen bei Besuchen immer für Nachschub.“

. . . verstopfte Straßen und den Schweizer Bußgeldkatalog: „Beide zählen zu den wenigen negativen Seiten, die die Schweiz mit sich bringt. Die Bußen sind gnadenlos, was wiederum zwangsläufig dazu führt, dass sich die allermeisten an das vorgeschriebene Tempolimit von 120 km/h auf Autobahnen halten. Dazu ist die Verkehrslage, auch bedingt durch geografische Gegebenheiten, ohnehin oft angespannt und sorgt in Stoß- oder Ferienzeiten für absolutes Stau-Chaos.“

(Von Lea Hüther)

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