Bilanz zur Krise 2015

Kreis und Awo ziehen positives Fazit der Krise von 2015: „Konnten nicht alle mitnehmen“

In kürzester Zeit wurden im Kreis Unterkünfte für Geflüchteten errichtet. Wie etwa hier am ehemaligen Standort der Firma Friedola in Eschwege.
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In kürzester Zeit wurden im Kreis Unterkünfte für Geflüchteten errichtet. Wie etwa hier am ehemaligen Standort der Firma Friedola in Eschwege.

Fünf Jahre nach dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise: Wie sind die Behörden mit den Herausforderungen umgegangen, wo lagen Schwierigkeiten? Wir haben mit Kreis und Awo gesprochen.

Werra-Meißner – Mit dem Zuzug vieler Schutzsuchender ab 2015 kamen große Aufgaben auf den Werra-Meißner-Kreis, die Awo Werra-Meißner und viele weitere Helfer zu. Wir blicken auf das Geleistete, die laufende Integrationsarbeit und die Lebenswirklichkeit der Geflüchteten in der Coronapandemie.

Die Herausforderung

„An einem Sonntag im November 2015 wurde vom Land Hessen festgelegt, dass im Kreis innerhalb einer Woche eine Notunterkunft für Geflüchtete entstehen sollte“, bericht Runa Aasland-Jost, Fachbereichsleiterin Flüchtlingsbetreuung bei der Awo Werra-Meißner.

Im Nachgang könne man sich schlecht vorstellen, unter welchem Druck die Mitarbeiter der Kreisverwaltung und der Awo damals arbeiteten.

Die Kreisverwaltung musste sich zu Beginn der Krise anders aufstellen und Organisationsstrukturen bündeln, sagt Uwe Kümmel, Leiter der Stabstelle Migration. Eine der großen Herausforderungen bestand darin, zügig geeignete Immobilien zu finden, um die wöchentlich zugewiesenen Menschen aus den Erstaufnahmeeinrichtungen unterzubringen.

Diese wurden wiederum eiligst von der Awo renoviert und ausgestattet. Aber nicht nur den Aufbau, auch die ständige Anpassung an Bedarfe, immer mit dem Blick auf das Budget, habe man gemeistert.

Die Integration

Von den 341 derzeit betreuten Menschen haben aktuell 266 eine feste Tagesstruktur, berichtet Uwe Kümmel. Dazu zählten die Teilnahme an Sprachkursen, beruflichen Qualifizierungen, Praktika, Ausbildungen, sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen, Schulbesuch, Kindergarten, aber auch Kinderbetreuung.

„Die Quote 78 Prozent erachte ich als sehr gut“, so Kümmel. Wenn man berücksichtige, dass unter den Menschen eine Vielzahl physisch und psychisch gehandicapt sei, sei das ein hervorragendes Ergebnis. Zur Unterstützung der Integration in Arbeit und Ausbildung hat sich der Werra-Meißner-Kreis seit 2015 zusammen mit den Kreisen Fulda und Hersfeld-Rotenburg am Projekt „Integration durch Eingliederung ins Erwerbsleben“ beteiligt.

Die 1157 Teilnehmer kommen laut Kümmel aus 36 Nationen und sprechen 28 Sprachen. Seit Projektbeginn beträgt die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsaufnahmen 850, so Kümmel. 200 Bewerber hätten seitdem eine Ausbildung begonnen. Bislang haben 67 Personen die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Demgegenüber stünden 34 Abbrüche aus Gründen wie der falschen Berufswahl, Überforderung im dualen System oder eine Rückführung ins Heimatland.

„Wir haben von Beginn an gesagt, dass es uns wichtig ist, frühzeitig mit Maßnahmen zur Integration zu beginnen. Dies ist aus meiner Sicht gut gelungen“, so Landrat Stefan Reuß. Das Augenmerk liege aber auch weiterhin darauf, dass es nicht zu einer Spaltung der Gesellschaft und derer komme, die ebenfalls auf staatliche Unterstützung angewiesen seien.

„Natürlich konnten wir nicht alle mitnehmen“, sagt Kümmel zur Integrationsarbeit. Einige der im Kreis angekommenen Menschen hätten nicht den Willen, sich in der Gesellschaft zu integrieren und seien nicht in der Lage, weil sie Deutschland nicht verstehen würden. Das halte er aber auch für völlig normal.

Die Betreuung der Awo

Der Fokus der Arbeit der Awo liege auf der Unterstützung bei der Alltagsbewältigung mit dem Ziel einer Verselbstständigung, berichtet Aasland-Jost. Die Betreuer in den Gemeinschaftsunterkünften unterstützten die Bewohner bei Behördengängen und im Bereich der gesundheitlichen Versorgung.

Hinzu kommen laut der Awo-Mitarbeiterin die Ankunft in der Gemeinde, die Anmeldung in der Schule und Kindergarten sowie die Hilfe, einen Platz im Sprachkurs oder eine Arbeit zu finden. Die Awo-Betreuer unterstützen die Geflüchteten auch bei der Antragsstellung für einen Auszug aus der Gemeinschaftsunterkunft und der Wohnungssuche.

„Nach dem Auszug aus der Gemeinschaftsunterkunft und dem Einzug in der eigenen Wohnung stehen die Menschen hier im Kreis auf eigenen Beinen. Eine Begleitung der Menschen, die in der Privatwohnung wohnen, gibt es nur auf ehrenamtlicher Basis“, so Aasland-Jost.

Während der großen Flüchtlingswelle von 2015 bis 2017 habe es viele ehrenamtlich engagierte Menschen gegeben, die gespendet und geholfen hätten.

Die Bereitschaft zu helfen, sei erstaunlich hoch und herzlich gewesen. In den vergangenen zwei bis drei Jahren gebe es aber weniger ehrenamtlich Engagierte, die in der Flüchtlingshilfe tätig seien und es sei schwieriger, ehrenamtliche Begleiter zu finden.

Der Ausblick

Die momentanen Herausforderungen für die Awo seien gänzlich anders als in den Jahren 2015 und 2016, so Aasland-Jost. Die vergangenen beiden Jahre seien geprägt gewesen von Schließungen von Gemeinschaftsunterkünften und damit verbundenen Umzügen der Bewohner.

Durch wenige Zuweisungen aus den Erstaufnahmeeinrichtungen – auch aufgrund der Coronapandemie – seien weniger neue Geflüchtete im Kreis angekommen, so die Awo-Mitarbeiterin. Durch die Pandemie und die Lockdowns hätten viele Geflüchtete ihre Arbeit verloren und hätten dementsprechend bei der Antragsstellung bei der Agentur für Arbeit unterstützt werden müssen.

„Durch die Kontaktbeschränkungen und reduzierte Öffnungszeiten bei Behörden, Ämtern und Institutionen erleben wir, dass viele Migranten die Wege nicht mehr eigenständig gehen können und bitten um Unterstützung“, so Aasland-Jost. So würden die Menschen ihre zuvor gewonnene Eigenständigkeit wieder ein Stück verlieren.

Von Maurice Morth

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