100 Jahre Heilfasten

Dr. Otto Buchingers Kuren sorgten für Patientenboom in Witzenhausen

Teilansicht von der Straßenseite: Mit diesem Foto wurde in einem Werbeprospekt aus den 1930er-Jahren ein Aufenthalt im „Städtischen Kurheim Witzenhausen im Werratal“ angepriesen.
+
Teilansicht von der Straßenseite: Mit diesem Foto wurde in einem Werbeprospekt aus den 1930er-Jahren ein Aufenthalt im „Städtischen Kurheim Witzenhausen im Werratal“ angepriesen.

100 Jahre ist es her, als in Witzenhausen etwas ausprobiert und entwickelt wurde, das sich heute – wenn auch in abgewandelten Formen – größerer Beliebtheit denn je erfreut: das Heilfasten.

Witzenhausen – Im Frühjahr 1919 wurde der ehemalige Marine-Generaloberarzt Dr. Otto Buchinger (1878-1966) als neuer Dozent für Tropenhygiene an die Deutsche Kolonialschule berufen und damit in das, wie er in seinen Erinnerungen schreibt „alles Neue ablehnende Witzenhausen“ verschlagen. Das, was er „in das bildhübsche Städtchen im Norden von Hessen-Nassau“ mitbrachte, war im Bereich der Medizin in der Tat derartig neu, dass die allermeisten Witzenhäuser sich gar nicht vorstellen konnten, was der neue Doktor damit eigentlich bezweckte.

Heilendes Fasten

Schon in seinen letzten Dienstjahren als Marinearzt beschäftigte sich Buchinger intensiv mit ganzheitlichen medizinischen Ansätzen und den Selbstheilungskräften des menschlichen Organismus einschließlich der Verwendung von homöopathischer Arznei. Diese Auseinandersetzung ging letztlich so weit, dass sich in seinen Tagebuchaufzeichnungen vom 20. März 1917 bereits der ausgearbeitete „Plan zu einem Lebensreform-Sanatorium“ findet.

Allerdings bedurfte es noch einer eigenen, lebensbedrohlichen Erkrankung, die Otto Buchinger erstmals im Herbst 1917 veranlasste, Linderung im medizinischen Heilfasten zu suchen und letztlich sogar 1919 die komplette Heilung zu finden.

Erfinder des Heilfastens: Dr. Otto Buchinger.

So war es nur folgerichtig, dass er schon kurz nach seiner Ankunft in Witzenhausen daran ging, das Prinzip des medizinischen Heilfastens mittels systematischer Durchführung von Fastenkuren einem breiten Publikum nahezubringen: Anfang Juli 1920 eröffnete er sein privates Kurheim „Bergschlösschen“ an der Landstraße nach Heiligenstadt.

Der erste Patient war der finnische Reeder Eero Järnefelt, ein schwer von Gelenkrheuma geplagter und an den Rollstuhl gefesselter, verbitterter Mann. Nach sechs Wochen Fastenkur war er geheilt und konnte ohne den Rollstuhl die Heimreise antreten.

Beginnender Boom

Buchingers Fastenkuren gestalteten sich ausnehmend erfolgreich. Obwohl das Fasten als Heilmethode in der Schulmedizin teilweise noch als lebensgefährlich galt und sehr viel Mut dazu gehörte, systematisches Fasten in größerem Umfang durchzuführen, erfreute sich die junge Klinik schon bald regen Zuspruchs. Die Zahl der Patienten wuchs ebenso wie die der Heilungen – das immer noch privat betriebene Kurheim konnte den Ansturm bald nicht mehr bewältigen. „Als die Zahl der Kurpatienten stieg“, fährt Dr. Buchinger in seinen Erinnerungen fort, „mietete ich später dann für dauernd das kleine städtische Krankenhaus.“

Hier begann es: Buchingers erste Fastenklinik war das „Bergschlösschen“ unter den Weinbergen.

Goldene Jahre

Von 1925 bis 1935 war Otto Buchinger in Personalunion Chefarzt des Witzenhäuser Krankenhauses und Leiter seiner Fastenklinik – beide nunmehr verortet im städtischen Krankenhaus. Die Belegzahlen explodierten und erreichten in diesem Jahrzehnt eine Gesamthöhe von 3600 Personen, davon über 80 Prozent auswärtige Patienten im Bereich des Heilfastens. Binnen dieses einen Jahrzehnts führte Buchinger das Krankenhaus nicht nur auf der wirtschaftlichen Erfolgsleiter steil nach oben, sondern machte es zudem zum wichtigen Werbeträger für die Stadt.

Ende in Witzenhausen

1935 musste Buchinger auf Druck des nationalsozialistischen Bürgermeisters Hermann Kolckhorst Witzenhausen verlassen und baute in Bad Pyrmont eine neue Fastenklinik auf. Die Umstände seines Weggangs sind nicht hinreichend geklärt – die bisherige Annahme, er sei von den Witzenhäuser Nationalsozialisten aufgrund seiner Frau, die einer jüdischen Bankiersfamilie entstammte, aus der Stadt geekelt worden, ist in dieser Ausschließlichkeit nicht mehr haltbar.

Buchingers Nachfolger im Krankenhaus wurde Dr. Werner Eisenberg, der sowohl die allgemeinmedizinische Behandlung als auch die Fastenkuren fortführte.

Von Matthias Roeper

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare