Ausgangspunkt war die Armenordnung von 1839

175 Jahre Krankenhaus in Witzenhausen: Einst ein fast revolutionäres Unterfangen

1952 noch Neubau: Das Krankenhaus in Witzenhausen erhielt vor 68 Jahren einen Neubau, der bereits wieder abgerissen wurde. Diese Aufnahme entstand Ende 1952.
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1952 noch Neubau: Das Krankenhaus in Witzenhausen erhielt vor 68 Jahren einen Neubau, der bereits wieder abgerissen wurde. Diese Aufnahme entstand Ende 1952.

Vor 175 Jahren bekam die Stadt Witzenhausen ein Krankenhaus. Wie es sich von der Zehn-Betten-Klinik zum Pandemie-Krankenhaus des Werra-Meißner-Kreises entwickelte, zeichnet der Stadtarchivar nach.

Witzenhausen – Die Geschichte des Witzenhäuser Krankenhauses ist eng verknüpft mit der städtischen Armenordnung des Jahres 1839. Angesichts der damals herrschenden allgemeinen Not schuf man mit diesem Regelwerk ein Instrumentarium zu deren Linderung, gründete eine Sparkasse und plante den Bau eines Kindergartens. Vor allem aber sollten die Kranken „in einem eigens dazu eingerichteten Hause“ betreut werden – ein für damalige Verhältnisse fast revolutionäres Unterfangen, aber mit dem 23. Juni 1845 für alle sichtbare Realität.

Witzenhausen hatte nun ein Krankenhaus, zwar relativ klein und am Anfang nur für zehn Patienten ausgelegt, aber mit allem ausgestattet, was damals für die Krankenpflege und womöglich auch die Heilung notwendig war: Betten, Tische, Schränke, Stühle und Geschirr einschließlich Krankenkleidung, Möblierung der Krankenwärterwohnung, Ärztezimmer und diverse medizinische Gerätschaften.

Besonders stark belegt: Im Ersten Weltkrieg diente das Krankenhaus als Lazarett.

Hinzu kam ein in Auflage von 600 Exemplaren gedruckter Leitfaden, die sogenannten „Statuten für das städtische Krankenhaus zu Witzenhausen“, in denen alles aufgelistet wurde, was es über die neue städtische Einrichtung zu wissen gab. Von den Aufnahmekriterien über die Finanzierung des Aufenthaltes bis hin zu den Kompetenzen von ärztlicher Leitung und Verwaltung wurden die Modalitäten des Krankenhausbetriebes genauestens dargelegt –- die medizinische Versorgung der Witzenhäuser Bevölkerung war in eine neue Ära eingetreten.

Die ersten hundert Jahre seines Bestehens waren ebenso wechselhaft wie die deutsche Geschichte während dieser Zeit. Vom Krankenhaus für Arme im Kurfürstentum Kurhessen über den ersten Innovationsschub im Kaiserreich mit Ausbau und Modernisierung zur Jahrhundertwende, die Nutzung als Lazarett im Ersten Weltkrieg und die folgende Existenzbedrohung in den Inflationsjahren der Weimarer Republik sowie der geradezu atemberaubende Aufschwung durch die Umwidmung zur Fastenklinik zuerst durch Dr. Otto Buchinger und später dann durch seinen Nachfolger Dr. Werner Eisenberg während des Nationalsozialismus.

Blick von der Seite: So sah das Krankenhaus in den 1920er-Jahren aus.

Der erneuten Nutzung als Lazarett im Zweiten Weltkrieg und der deutschen Kapitulation am 8. Mai folgte dann im Juni 1945 ein abermaliger medizinischer Schwerpunktwechsel: Das Krankenhaus wurde zur „Veneral Diseas“ (VD) Station, das heißt zum zentralen Behandlungsort für Geschlechtskrankheiten aller Art.

Nach Gründung der Bundesrepublik 1949 offenbarten sich auf allen Ebenen schwere Mängel der sichtbar in die Jahre gekommenen Institution. Nach der strukturellen Modernisierung – aus dem bisherigen „Stadtkrankenhaus“ wurde nach Gründung eines Zweckverbandes mit dem Landkreis Witzenhausen am 1. Dezember 1950 das „Kreis- und Stadtkrankenhaus“ – erfolgte auch auf baulichem Sektor ein entscheidender Schritt in die Moderne, und am 6. September 1952 konnte ein großzügiger Neubau eingeweiht werden.

„Kurstadt“: Werbeblatt von Witzenhausen aus dem Jahr 1936.

Über ein Vierteljahrhundert erfüllte nun das neue Krankenhaus seinen Zweck, ehe die umwälzenden Neuerungen auf allen Gebieten der Medizin die Verantwortlichen veranlassten, den Altbau mit einem hochmodernen neuen Trakt zu erweitern.

Nach dessen Fertigstellung 1985 und der darauf folgenden Verzahnung mit dem Altbau konnte man 1988 mit Fug und Recht vom „Krankenhaus für das Jahr 2000“ sprechen.

Seitdem sind nun wieder drei Jahrzehnte verstrichen und das Witzenhäuser Krankenhaus zeigt abermals ein völlig gewandeltes Gesicht: Auf der baulichen Seite ist der in Jahre gekommene 1952er-Trakt bis zum Herbst 2016 abgerissen und organisatorisch hat man 2008 die Fusion mit dem Krankenhaus in Eschwege zum „Klinikum Werra-Meißner“ vollzogen.

Altbau-Abriss: Ende November 2015 wurde mit dem Abtragen des in die Jahre gekommenen Trakts von 1952 begonnen. 

Dadurch sind in Witzenhausen viele Arbeitsplätze nachhaltig gesichert worden und – mindestens genauso wichtig – das Krankenhaus wird auch über seinen 175. Geburtstag hinaus zukunftsfähig bleiben.

CHRONIK - 175 Jahre Krankenhaus

1845: Am 23. Juni wird der Krankenhausbetrieb aufgenommen. 1901: Modernisierung und Schaffung eines Pflegedienstes. 

1914: Das Krankenhaus wird zum Lazarett. 1925: Dr. Buchinger übernimmt das Krankenhaus und baut es zur Fastenklinik aus. 

1936: Dr. Eisenberg wird nach Buchinger Leitender Arzt. Das Krankenhaus wird als Fastenklinik wichtiger Werbeträger für die Stadt – „Witzenhausen, die Stadt der Fasten und Diätkuren“. 

1945: Die dramatisch gestiegene Einwohnerzahl stellt das Krankenhaus vor große Probleme. 1950: Am 1. Dezember erfolgt die Gründung des „Zweckverbandes Kreis- und Stadtkrankenhaus Witzenhausen“. 

1952: Fertigstellung des Neubaus mit 198 Planbetten für Inneres, Chirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe. 1959: Die Krankenpflegeschule beginnt mit der Ausbildung von Pflegepersonal. 

1977: „Krankenhaus für das Jahr 2000“: Beginn der Erweiterung und Modernisierung des Krankenhauskomplexes (bis 1988). 1995: 332 Mitarbeiter versorgen in 201 Planbetten die Patienten. 

2004: Die psychiatrische Tagesklinik wird eröffnet. 

2008: Nach turbulenten Jahren und gescheiterten Verkaufsverhandlungen erfolgt der Zusammenschluss der Krankenhäuser in Eschwege und Witzenhausen zur „Gesundheitsholding Werra-Meißner“. Seitdem erfolgreiches Zusammenwachsen beider Standorte zum „Klinikum Werra-Meißner“. 

2015: Neuaufbau der Abteilung Intensivmedizin. Das Krankenhaus verfügt über 161 Betten. 

2016: Abriss des 1952 erbauten sogenannten Altbaus. 2020: Im Zuge der Coronakrise wird Witzenhausen zum Pandemie-Krankenhaus für den Werra-Meißner-Kreis. 

VON MATTHIAS ROEPER

Quelle: HNA

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