Er hat sich seinen Traum erfüllt

Babiker Adem-Humed ist der erste Flüchtling im Kreis mit abgeschlossener Friseurausbildung

Ist Stolz auf das Erreichte: Babiker Adem-Humed aus Eritrea, ist der erste Flüchtling, der im Werra-Meißner-Kreis eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Jetzt hat er eine Vollzeitstelle im Friseursalon von Peter Dilcher. Foto: Henry Valentin

Bad Sooden-Allendorf. Babiker Adem-Humed aus Eritrea hat seine Ausbildung zum Friseur abgeschlossen. Im Kreis ist er der erste Flüchtling, der das geschafft hat. 

Es gibt Kunden im Friseursalon von Peter Dilcher in Bad Sooden-Allendorf, die wollen sich die Haare unbedingt von Babiker Adem-Humeds schneiden lassen – eine große Anerkennung für den 29-jährigen Eritreer. Er ist der erste Flüchtling im Werra-Meißner-Kreis, der seit 2015 erfolgreich seine Lehre abgeschlossen hat. Hier ist seine Geschichte:

Babiker Adem-Humeds Flucht aus Eritrea beginnt 2005. Damals war er 16. Die Staatspolizei will ihn zum unbefristeten Militärdienst verpflichten. „Wer in Eritrea zum Wehrdienst eingezogen wird, kommt jahrzehntelang, vielleicht auch nie wieder frei“, sagt Adem-Humed und senkt seinen Blick. Der große, sehr schlanke Mann wirkt plötzlich klein und in sich zusammengesunken. Er hält seinen Blick lange Zeit starr auf den Boden gerichtet und sucht nach Worten. Irgendwann findet er sie und sagt: „Am liebsten würde ich diese Geschichte vergessen. Aber so einfach ist das nicht.“

Alleine machte er sich von Eritrea aus auf den Weg nach Europa. Eine Odyssee über acht Jahre, mit Stationen im Sudan, Kenia, Ägypten, Libyen, Italien, Frankreich, Belgien und Deutschland, sagt Adem-Humed. Er ist einer von Hunderttausenden, die das Land seit Jahrzehnten verlassen.

Heute ist er 29 Jahre alt und sitzt auf einem Hocker im Friseursalon von Peter Dilcher in Bad Sooden-Allendorf, trägt eine schwarze Jeans, T-Shirt und seine Scheren in einer Tasche um die Hüfte. Er hat den Tod mit eigenen Augen gesehen. Tage und Nächte ist er durch Wälder und Wiesen gelaufen, ohne zu wissen, ob er überlebt, sagt er. Ausführlich darüber sprechen will er nicht. Nachdem er im Sommer 2013 in Lampedusa (Italien) gelandet war, ging es weiter nach Gießen ins Erstaufnahmezentrum. „Keine schöne Zeit“, sagt Adem-Humed. Er musste viele Hürden überwinden, holte den Hauptschulabschluss nach, lernte Deutsch und machte ein Praktikum in Dilchers Friseursalon. „Das lief über meine Lehrerin, die auf Peter zugekommen ist“, sagt Adem-Humed. Sein Talent haben sie erkannt, er hat es zum Beruf gemacht. Sein Traum, wie er sagt. Schon in Kairo hatte er zwei Jahre in einem Herrenfriseursalon gearbeitet. Adem-Humed zögert, wartet, bis er einen Satz fortsetzt. Es ist das Gesehene und Erlebte, was ihn zum Nachdenken bringt. „Dann musste ich Ägypten verlassen“, sagt Adem-Humed.

2015 konnte er seine Ausbildung beginnen. Letzten Monat war die Abschlussprüfung. Er war einer der besten – und das als erster Flüchtling im Kreis. „Es hört sich etwas kitschig an: Aber Babiker ist für uns ein Glücksfall. Er gibt sich unheimlich viel Mühe, ist offen für alles und immer pünktlich“, sagt Dilcher. Das Wichtigste: „Er kommt bei unseren Kunden sehr gut an.“ Adem-Humed hört‘s gern. Und gibt das Lob zurück: „Ich fühle mich auf der Arbeit sehr wohl.“ Adem-Humeds vier Geschwister und seine Eltern leben immer noch in Eritrea. Kontakt hat er nur sporadisch.

„Telefonate werden abgehört, manchmal kommt man gar nicht durch“, sagt Adem-Humed. Seine Familie vermisst er sehr. Seit mehr als 13 Jahren hat er sie nicht gesehen. Mittlerweile hat er eine Wohnung in Bad Sooden-Allendorf. Er ist angekommen, hat Freunde, einen Job und will sich was aufbauen. Dilcher möchte andere Betriebe ermuntern, Menschen wie Adem-Humed eine Chance zu geben. Berührungsängste könnten nur durch eigene Erfahrungen abgelegt werden, findet er.

Ehemaliger Rebell herrscht in Eritrea

Aus keinem afrikanischen Land sind seit 2014 so viele Menschen geflohen wie aus Eritrea. Auf den ersten Blick verwunderlich, denn der Staat am Horn von Afrika ist kein Kriegsschauplatz. Dafür wird er beherrscht von einem ehemaligen Rebellen, der einst die Unabhängigkeit Eritreas von Äthiopien erkämpfte - und seitdem die Bevölkerung autoritär kontrolliert. Der Präsident, Isayas Afewerki, schottet sein Land ab, unterhält einen engmaschigen Überwachungsapparat und verpflichtet alle Einwohner zu einem unbefristeten Nationaldienst, der in den meisten Fällen viele Jahre dauert. Vor allem junge Eritreer wollen diesem Zwangsarbeitssystem entkommen. Nach UN-Schätzungen entscheiden sich monatlich 5000 von ihnen zur Flucht.

Von Henry Valentin 

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