Wie Karl-Heinz Wehr aus Bad Sooden-Allendorf Bürger der DDR in die Freiheit führte

Auf der Kuppe des Ibergs bei Asbach: Den Osten im Rücken, die Arme zum Westen hin ausgebreitet, steht Karl-Heinz Wehr exakt dort, wo er die Flüchtlinge über die innerdeutsche Grenze führte. Fotos/Repro: Chris Cortis

Karl-Heinz Wehr aus Bad Sooden-Allendorf hat Bürger der DDR in die Freiheit geführt.

Er war sich „zu 99 Prozent sicher“, dass es klappen würde. Ein Restrisiko aber blieb. Deswegen war die Angst ständiger Begleiter, als Karl-Heinz Wehr seinen Freund Heinz Koch und kurz darauf sechs weitere Bürger der DDR auf einer waghalsigen Flucht über die bewachte innerdeutsche Grenze führte und das Tor zur Freiheit öffnete. 58 Jahre später und 30 Jahre nach der friedlichen Revolution erinnert sich der 75-Jährige, der längst in Bad Sooden-Allendorf zu Hause ist, an das größte Abenteuer seines Lebens.

Rückblende: Als Sohn eines Konditors im thüringischen Uder aufgewachsen, entschied sich Wehr früh für den Beruf des Försters und landete nach der Grundausbildung im Harz beim staatlichen Forstamt in Heiligenstadt, das auch ein Viertel des 2000 Hektar großen Stadtwaldes von Bad Sooden-Allendorf verwaltete.

Genau dort wurde er eingesetzt. Im Revier Altenstein bei Asbach, das er täglich nach einem 15 Kilometer langen Fußmarsch erreichte, kannte er sich bald aus wie in der eigenen Westentasche. Ein Passierschein erlaubte ihm den Zutritt in die mit doppeltem Stacheldraht gesicherte 500-Meter-Sperrzone bis an die Grenze, die im Amtsdeutsch der DDR „Linie Null“ genannt wurde.

Sein Elternhaus in Uder teilte sich der 17-Jährige mit der Familie des zwei Jahre älteren Heinz, der zweimal vergeblich versucht hatte, über Berlin in den Westen zu gelangen, und sich jetzt Hilfe suchend an seinen Freund wandte. Der Plan: Im Schutz des Waldes solle Wehr ihn über die Grenze führen. „Das war mir zu heikel“, lehnte der Freund ab, ließ sich dann aber doch erweichen. Bei seinem Lehrherrn, Oberförster Heinrich Pingel, nahm er einen Tag Sonderurlaub, nachdem er tagelang die günstigste Route ausbaldowert hatte. „Kein Wort zu niemandem!“, warnte Wehr vor der allgegenwärtigen Stasi.

Am 25. März 1961 war es soweit. Gegen fünf Uhr treffen sich beide im Wald bei Heiligenstadt. „Heinz hatte nichts dabei, keine Tasche, keinen Koffer“, erinnert sich Wehr. Auffällig sei der dicke Kragen seiner Wolljacke gewesen. „In Hundert-Mark-Scheinen hatte er 1400 Ostmark eingenäht. Ich habe ihm eine Forstmütze mitgebracht, damit es so aussieht, als gehöre er zu mir“, wusste der Fluchhelfer von Grenzern, die als Fußstreife oder in Kübelwagen bewaffnet und mit Fernglas ständig in der Sperrzone patrouillierten. Behutsam machen sich beide auf den Weg. „Wir durften auf keinen Ast treten. Das Knacken hätte uns verraten können“, schildert der 75-Jährige, wie die zwei den doppelten Sperrzaun überwanden, den Wildschweine platt gemacht hatten, und am Ende des fast siebenstündigen Marsches 300 Meter steil bergauf kraxeln mussten: „Es war die optimale Route. Die Anspannung war groß. „Wir hatten nie Sichtkontakt mit den Grenzsoldaten.“

Wehr vertraute sich seinem Vorgesetzten an, von dem er wusste, dass er mit dem SED-Regime nicht viel am Hut hatte. Der wandte sich an ihn, um dem Bekannten zu helfen wie seinem Freund. Das Abenteuer wiederholte sich noch sechs Mal. Unter den Flüchtlingen war auch ein 16-jähriges Mädchen, das der Mut verließ und zitternd das Unternehmen abbrechen wollte. Wehr behielt die Nerven und trug die junge Frau auf seinen Armen durch den Stacheldrahtzaun. Ende gut, alles gut?

Nicht ganz. Oberförster Pingel wurde wenig später bei einer Prominentenjagd von einer Kugel getroffen. Ob er aussehe wie ein Wildschwein, habe er noch gerufen. Es folgte ein zweiter Schuss, der war tödlich. Auf demselben Weg, der sieben anderen Menschen die Freiheit brachte, floh Karl-Heinz Wehr am 31. Juli 1961 selbst in den Westen – hinter sich Warnschüsse und Hundegebell.

Von Chris Cortis

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare