Werra-Meißner/Hersfeld-Rotenburg

Bundestagswahl: Das sagen die Direktkandidaten zum Wahlergebnis

Michael Roth beim Wahlkampfauftakt in Bad Hersfeld vor seinem persönlichen Wahlslogan: „Wo die Zuversicht zuhause ist“. In der Hand hält er ein Eis, dass es nicht nur für ihn, sondern auch für alle Zuhörer gratis gab.
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Zuversicht in schwierigen politischen Zeiten: Michael Roth präsentierte beim Wahlkampfauftakt in Bad Hersfeld seinen persönlichen Wahlslogan „Wo die Zuversicht zuhause ist“. Für die Zuhörer - und auch für ihn - gab’s Eis.

Zum siebten Mal in Folge hat Michael Roth (SPD) das Direktmandat für den Wahlkreis 169 Werra-Meißner/Hersfeld-Rotenburg gewonnen. Das sagen der Sieger und die Mitbewerber.

Wir listen die Statements in der Reihenfolge der am Sonntag erzielten Stimmergebnisse auf.

Michael Roth (SPD): 43,70 Prozent - 56.385 Stimmen

„Auch nach 23 Jahren als direkt gewählter Bundestagsabgeordneter war dieses Ergebnis für mich alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Umso mehr freue ich mich natürlich darüber“, sagt Michael Roth am Sonntagabend. Es gebe ihm Rückenwind für die kommenden spannenden Wochen in Berlin. Die SPD habe ein tiefes Tal durchschritten, nun aber wieder die Chance, den Kanzler zu stellen. Das enge Rennen am Wahlabend überraschte ihn nicht. „Ich hoffe nun, dass meine SPD auch bei künftigen Aufgaben mit meiner Erfahrung etwas anfangen kann.“

„Abermals das beste Ergebnis in ganz Hessen und das fünftbeste Ergebnis für die SPD bundesweit erzielt zu haben, macht mich dankbar und glücklich“, sagte der Staatsminister am Montag. Die Ergebnisse zeigten klar, dass die Menschen eine Regierung unter Führung der SPD mit Olaf Scholz als Kanzler wünschen. „Es geht jetzt erst einmal um eine stabile und fortschrittliche Koalition – nicht um Personalfragen“, sagt Roth auf die Frage, ob er weiter Mitglied des Kabinetts sein möchte. Sowohl mit den Grünen als auch der SPD sieht Roth Schnittmengen.

Wilhelm Gebhard (CDU): 26,76 Prozent - 34.525 Stimmen

Ja, er war mit dem Radel da: Der CDU-Bundestagskandidat Wilhelm Gebhard aus Wanfried nach dem Interview mit unserer Zeitung im Schilde-Park in Bad Hersfeld.

„Ich gratuliere Michael Roth zu einem fulminanten Sieg. Sechs Monate sind zu wenig, um gegen den langjährigen Amtsinhaber zu gewinnen“, sagte Wilhelm Gebhard am Sonntagabend. Am Ende gehe es nicht um das Thema, sondern um den Bekanntheitsgrad. Die Kandidatur hätte früher erfolgen müssen, man brauche mehr Zeit, um sich ins Gespräch zu bringen – vor allem, weil der Rückenwind der Bundes-CDU diesmal eiskalt von vorn gekommen sei. „Mit meinem Wahlkampf bin ich zufrieden. Ich habe alles gegeben und bin mit mir im Reinen.“ 

„Vor Ort habe ich tolle Unterstützung während meines Wahlkampfes erlebt, allerdings hat mir diese aus Berlin gefehlt“, ergänzte Wanfrieds Bürgermeister am Montag. Das historisch schlechte Bundesergebnis habe sich auf die ganze CDU ausgewirkt. Dennoch kann der Vater zweier Söhne sogar mehr Erst- als Zweitstimmen im Wahlkreis verzeichnen. „Das zeigt, das mein Wahlkampf nicht umsonst war.“

Gerhard Schenk (AfD): 11,01 Prozent - 14.202 Stimmen

Gerhard Schenk aus Bebra, hier bei einer Mittagspause am heimischen Küchentisch mit Ahler Wurscht, Butterbrot und alkoholfreiem Radler. Der 67-Jährige trat für die AfD an.

„Ich bin zufrieden, vor allem, weil mein Ergebnis besser ist als das meiner Partei auf Bundesebene“, sagt Gerhard Schenk am Sonntagabend. „Ich glaube, dass ich bei der arbeitenden Bevölkerung hier auf dem Land einfach gut ankomme“, erklärt er und bedankte sich bei seinen Wählern in beiden Landkreisen. Thematisch habe er mit den Themen Corona und Klimawandel gepunktet, meint Schenk. Ohne den medialen Gegenwind wäre das Ergebnis noch besser ausgefallen. „Für mich persönlich geht es jetzt in Wiesbaden weiter“, so der Landtagsabgeordnete.

„Das Ergebnis liegt im Bereich des Erwartbaren, was die Prognosen angeht“, sagt Schenk am Montag. Er fürchtet, dass in den Koalitionsgesprächen es zu sehr um die Frage nach dem künftigen Kanzler geht statt um Themen wie Klimawandel, Energiewende, die „sozialen Verwerfungen“ und die Frage nach Grundrechtseingriffen in der Pandemie. Im politischen Kurs der AfD, enttäuschte Wähler von CDU, FDP und SPD abzuwerben, fühlt er sich bestätigt, mehr als jeder zehnte Wähler im Kreis stimmte für die Partei. „Unsere Arbeit im Land- und Kreistag geht weiter.“

Awet Tesfaiesus (Grüne): 6,22 Prozent - 8032 Stimmen

Es hat gereicht: Die Grünen-Kreisvorsitzende Vanessa Gronemann aus Kassel (von links), der Kasseler Direktkandidat Boris Mijatovic, die hessische Spitzenkandidatin Bettina Hoffmann, Kreisvorsitzender Daniel Stein und Direktkandidatin Awet Tesfaiesus, die im Werra-Meißner-Kreis angetreten war.

„Mit dem bundesweiten Ergebnis der Grünen bin ich zufrieden, mit meinem eigenen Abschneiden im Wahlkreis aber nicht“, kommentiert Awet Tesfaiesus ihr Erststimmenergebnis am Sonntagabend. Sie sei wohl doch für viele Wähler noch zu unbekannt gewesen“, meint die Grüne. „Trotzdem werde ich vermutlich über die Liste in den Bundestag einziehen und freue mich auf die Arbeit vor Ort.“ Die Menschen bräuchten meist doch etwas länger, um sich überzeugen zu lassen, sagt Tesfaiesus, „aber daran werde ich arbeiten.“

„Ich bin voll und ganz zufrieden“, ergänzt die Kandidatin am Montag. Sie habe in ihrer Kampagne auf die Zweitstimmen gesetzt und das mit Erfolg, sagt sie. „Die Zahlen sind gut und ich habe es über die Landesliste in den Bundestag geschafft.“ Awet Tesfaiesus freut sich darüber, dass sie künftig wieder öfter in ihrer Heimat, dem Werra-Meißner-Kreis, unterwegs sein kann. Besonders wichtig seien ihr weiterhin die Themen Diversität und Chancengleichheit, besonders im ländlichen Raum. Wie die Koalitionsverhandlungen ausgehen werden, ist für sie noch völlig offen. 

Jorias Bach (FDP): 5,53 Prozent - 7135 Stimmen

Jorias Bach aus Sontra führte die FDP im Wahlkreis 169 (Hersfeld-Rotenburg und Werra-Meißner) in den Wahlkampf.

„Mein Ziel war es immer, ein gutes FDP-Ergebnis zu erlangen, und das ist mir gelungen“, sagt Jorias Bach am Sonntagabend. Für einen Erstantritt und dafür, dass er 23 Jahre jung ist, sei es „ein gutes Ergebnis“. Den Liberalen freut es sehr, „dass wir in den vergangenen Wochen sogar noch einige neue Mitglieder in beiden FDP-Kreisverbänden begrüßen konnten“. Das stimme ihn für die Zukunft seiner Partei sehr optimistisch. „Kommunalpolitisch werde ich weiterhin aktiv sein. Stadtverordneter zu sein, ist eine große Ehre für mich“, so der Sontraer.

„Sie erreichen heute einen glücklichen Kandidaten. Ich bin zufrieden mit meinem Ergebnis“, sagt Bach dann am Montag. Im Kreis habe sich die FDP damit gesteigert. Auf Bundesebene wünsche er sich eine Koalition, bei der die FDP ihre Anliegen gut durchbringen kann. „Michael Roth gratuliere ich zu einem hervorragenden Ergebnis und Awet Tesfaiesus zu ihrem Einzug in den Bundestag über die Liste.“ Der Stadtverordnete will sich nun ganz Sontra widmen und unter anderem die Vermarktung der Husaren-Kaserne und die Schaffung von Bauplätzen vorantreiben.

Sabine Leidig (Die Linke): 3,01 Prozent - 3890 Stimmen

Verabschiedet sich nach zwölf Jahren aus dem Bundestag: Die Linken-Politikerin Sabine Leidig.

Die Halbierung des Ergebnisses von 2017 sieht Sabine Leidig am Sonntag nicht als ein besonderes im Wahlkreis 169 an, da Die Linke bundesweit einen ähnlichen Einbruch erlebt: „Das ist schon ein herbes Ergebnis.“ Vor vier Jahren erhielt sie 5,5 Prozent der Erststimmen, an Zweitstimmen für Die Linke gab es 6,7 Prozent. Hauptgrund dafür sei wohl gewesen, dass es in erster Linie eine Kanzlerwahl war: „Da haben wir keine Rolle gespielt“, konstatiert Leidig. Die Wähler seien offensichtlich nicht bereit gewesen, „deutliche Veränderungen“ im Land zu wollen.

„Wir sind noch über die Direktmandate in den Bundestag gekommen, aber das Ergebnis ist bitter“, sagt Sabine Leidig am Montagnachmittag. In der zugespitzten Kanzlerfrage hätte man keine Rolle gespielt, da viele Wähler vor allem eine CDU-Regierung verhindern wollten. Nun brauche Die Linke eine Neuausrichtung: „Wir müssen die Unterschiede zu SPD und Grünen zeigen und eine überzeugende Antwort geben, wie die sozial-ökologische Transformation der Gesellschaft aussehen kann.“ Im stark auf soziale Gerechtigkeit ausgerichteten Wahlkampf sei das misslungen.

Rainer Janisch (Freie Wähler): 2,45 Prozent - 3160 Stimmen

Rainer Janisch aus Weißenborn will für die Freien Wähler in den Bundestag.

„Als Newcomer hat man es nicht ganz einfach“, sagt Rainer Janisch. Er sei aber nicht unzufrieden,, weil er in seiner Heimatgemeinde 14 Prozent der Erststimmen erzielt hat. Als Direktbewerber habe er die Freien Wähler im Kreis bekannter machen können. Er schätzt, dass es in Berlin auf eine rot-grün-gelbe Koalition hinausläuft. Dann erwartet er vom Wahlkreissieger Michael Roth, dass er die SPD-Themen „mehr Rente“ und 12 Euro Mindestlohn auch durchsetzt – und zwar zeitnah. Statt Roth hätte Janisch sich allerdings „ein anderes Gesicht“ in Berlin gewünscht.

Beate Gerke (Die Basis): 1,11 Prozent - 1426 Stimmen

Beate Gerke ist gerne kreativ. Hier präsentiert sie einen Teddy, den sie aus Beton gegossen und angemalt hat. Ihre Kunstwerke bietet sie auf Märkten an.

Ein bisschen enttäuscht sei sie, dass Die Basis nicht mehr Zweitstimmen errungen hat, sagt Beate Gerke. Und dafür, dass die Partei neu sei und über wenig Geld verfüge, sei es ein gutes Ergebnis. “Aber ich bin auch angenehm überrascht, dass die Erststimmen höher waren, als die Stimmen, die Die Basis im Kreis bekommen hat.“ Angesichts dessen, dass sie erst im Mai als Direktkandidatin aufgestellt wurde und keine Plakate mit ihrem Konterfei aufgehängt wurden, „ist das schon der Hammer“, sagt Gerke, die sich weiterhin politisch für Die Basis engagieren will.

Berthold Hartmann (Die Pinken/Bündnis 21): 0,13 Prozent - 167 Stimmen

Will für die neu gegründete Partei „Die Pinken/Bündnis 21“ in den Bundestag: Berthold Hartmann.

„Unser Bekanntheitsgrad von „diePinken/BÜNDNIS21“ konnte durch die Präsenz von mir, Homepage und der Flyeraktion der Partei ausgebaut werden“, sagt Berthold Hartmann. „Wir sind mit dem Etappenziel und der Aufnahme von Neumitgliedern zufrieden. Wichtig ist, dass alle Bürger mit dem Gesamtergebnis zufrieden sind. Wir haben unser Etappenziel erreicht und gehen guten Mutes in die nächste Runde. Allen Bürgern herzlichen Dank und eine gute Zeit. Wir schauen mit Herz und Haltung nach vorne und freuen uns auf die nächsten Wahlen.“

Heidi Schmidt (unabhängig, unterstützt von MLPD): 0,08 Prozent - 108 Stimmen

Heidi Schmidt aus Kassel will als Einzelbewerberin in den Bundestag: Unterstützt wird sie von der Internationalistischen Liste/MLPD. Eines ihrer wesentlichen Themen ist die Verbesserung der Situation der Bergleute.

108 Stimmen – und damit doppelt so viele Stimmen wie sie erwartet hatte, wurden für Heidi Schmidt abgegeben. Die Einzelbewerberin, die von der Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) unterstützt wurde. „Für mich, da ich sehr themenorientiert kandidiert habe, ist das ein Erfolg.“ Sie ist sich sicher, dass viele Wähler taktisch gewählt haben. Die Regierungsbildung werde nicht einfach und viel Zeit in Anspruch nehmen. „Es wird sich nicht viel ändern“, sagt Schmidt, die sich weiter intensiv mit dem Thema Bergbau beschäftigen möchte. (Nicole Demmer, Stefan Forbert, Wiebke Huck, Sebastian Schaffner, Jessica Sippel, Kai A. Struthoff, Friederike Steensen)

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