Rückblick zum 60. Jahrestag

Bundeswehr: Truppe war 44 Jahre ein Teil der Stadt

Beim Einzug der Bundeswehr am 8. November 1962: Oberfeldwebel Dieter Wolfram zieht in seinem Spähpanzer M 41 an der Ehrentribüne vorbei. Im Hintergrund ist der heutige Frau-Holle-Park in Hessisch Lichtenau zu sehen. 2 Fotos:  Publikation „Die Bundeswehr in Hessisch Lichtenau: 50 Jahre Blücher-Kaserne. 1962 - 2012. Verein für hessische Geschichte und Landeskunde, Zweigverein Hessisch Lichtenau.“

Hessisch Lichtenau. 1962 kam die Bundeswehr nach Hessisch Lichtenau, 2006 zog sie begleitet von vielen Tränen wieder ab. Wir blicken am 60. Jahrestag der Bundeswehr zurück.

Am 13. Juli 2006 flossen Tränen, heimlich verdrückte und ganz öffentliche. An diesem Tag marschierte die Truppe zu einem Appell auf dem Kreuzrasen auf, um der Stadt offiziell auf Wiedersehen zu sagen. Ein Abschied, der viele berührte, Soldaten und Einwohner.

Denn Hessisch Lichtenau und die Bundeswehr - das gehörte seit Jahrzehnten zusammen wie Frau Holle und der Meißner. Die Uniformen und Militärfahrzeuge waren Teil des Stadtbilds, viele Soldaten hatten an der Losse eine zweite Heimat gefunden. Mit dem Abzug wurde offenbar, wie eng die Bundeswehr in den Alltag der Stadt eingebunden war.

Engagement 

Weihnachtskonzert, Neujahrsempfang, Dämmerschoppen - all das war ohne die Soldaten nicht denkbar. Sie unterstützten lokale Vereine und Institutionen wie die Aktion für behinderte Menschen, pflegten Patenschaften mit der Kernstadt und den Ortsteilen Retterode und Quentel und waren zu jeder Zeit ein Teil des Lebens auch draußen vor dem Kasernentor. Ein Beispiel: Als der Karneval 1968 nicht im Bürgerhaus gefeiert werden konnte, fand er eben in der Kaserne statt.

Trabis im Kasernenhof 

Gestrandet: Am 9. November 1989, auf den Tag genau 27 Jahre nach dem Einzug der Bundeswehr am Standort Hessisch Lichtenau, fiel die innerdeutsche Grenze und prompt brauchten DDR-Bürger ein Notquartier. Ihren Trabis war auf der Fahrt in den Westen das Benzin ausgegangen und sie kamen nicht mehr nach Hause. Die Soldaten halfen und richteten für über 150 Menschen Betten her. Die Trabis parkten auf dem Kasernenhof.

Am 8. November 1962 zogen die ersten Soldaten in die Blücher-Kaserne ein. Genau 27 Jahre und einen Tag später, am 9. November 1989, standen plötzlich 80 Trabis auf dem Kasernenhof. DDR-Bürger, die nach der Grenzöffnung spontan in den Westen gefahren waren, strandeten dort, weil ihnen das Benzin ausgegangen war und sie nicht mehr nach Hause kamen. Die Soldaten halfen spontan: Über 150 Thüringer fanden für eine Nacht bei der Bundeswehr in Hessisch Lichtenau Quartier.

Die Elbe-Flut 

Soldaten im Dauereinsatz: Am Deich in Tangermünde stapelten Hauptfeldwebel Reutemann und weitere Soldaten aus Hessisch Lichtenau im August 2002 Sandsäcke gegen die Elbe-Flut. Archivfoto: Von Rechenberg

Geschichtsträchtig war auch der Sommer 2002. Ende August kämpften die Panzerartilleristen gemeinsam mit vielen weiteren Helfern an der Elbe gegen die Flut. Hunderte Sandsäcke schichteten sie in der brütenden Hitze zwischen Magdeburg und Tangermünde auf, um Menschen vor dem Wasser zu schützen.

Auslands-Einsätze 

Mit dem Fuchs-Panzer durch den Kosovo: 2003 gingen fast 150 Soldaten des Panzerartilleriebataillons 2 in den Auslandseinsatz. Unser Bild zeigt Oberfeldwebel Marco Feustel (Mitte) aus Hessisch Lichtenau. Archivfoto: Bretzler

Abschied von daheim hieß es für 146 Soldaten im Jahr 2003. Zwischen Mai und Dezember waren sie für mehrere Monate im Auslandseinsatz. Ziele waren Bosnien, Kosovo, Afghanistan und Usbekistan. Ein Jahr später waren 150 Männer und Frauen für vier Monate in Kabul (Afghanistan), um den Friedensprozess vor Ort zu unterstützen.

Hessentag 2006 

Kurz vor der endgültigen Auflösung wollten die Soldaten des Panzerartilleriebataillons 2 „noch einmal alles geben“, wie der letzte Kommandeur der Blücher-Kaserne, Oberstleutnant Thomas Milster, es ausdrückte. Der Hessentag wurde gefeiert, ein gigantisches Fest für die Lossestadt. 100 Soldaten waren extra dafür abgestellt, dabei zu helfen.

In der Kaserne wurde in einem Basislager Polizisten und das DRK betreut, aus dem Sportplatz der Soldaten wurde eine Rock- und Pop-Arena, in der bekannte Bands wie Bon Jovi und Tokio Hotel spielten. Zum letzten Mal präsentierten die Soldaten auch ihre Waffen und Geräte, unter anderem eines der modernsten Geschütze, die Panzerhaubitze 2000.

Viele gingen, einige blieben 

Letzter Appell zur Außerdienststellung: Am 30. November 2006 verabschiedete sich das Panzerartilleriebataillon 2 aus der Blücher-Kaserne in Hessisch Lichtenau . Unser Bild zeigt Bataillonskommandeur Oberstleutnant Thomas Milster (links) und Brigadegeneral Achim Lidsba, Kommandeur der Panzerbrigade Hessischer Löwe, beim Einrollen der Truppenfahne. Archivfoto: Forbert

Bis zu 1350 Soldaten waren einst in Hessisch Lichtenau stationiert, in den letzten Jahren waren es - mit Zivilisten - 790 Menschen, die hier ihren Dienst taten. Am Ende wurden es immer weniger, wer einen Platz in einer anderen Kaserne fand, ging vor dem endgültigen Ende fort.

Oder blieb für immer. Wie beispielsweise Oberstleutnant Bernd Quittkat, der über 20 Jahre in der Kaserne seinen Dienst tat und nach seiner Pensionierung in Hessisch Lichtenau blieb. Aus dem Niedersachsen wurde ein Wahl-Nordhesse, der an seiner zweiten Heimat vor allem schätzt: „Die schöne Landschaft, vor allem aber die Menschen, die uns mit offenen Armen aufgenommen haben.“

Hintergrund: Das Bundeswehrgelände heute 

Im Vorfeld war bereits spekuliert worden, doch am 25. September 2005 werden die Pläne des Heeres bekannt: Danach sollen Hessisch Lichtenau und Sontra von der militärischen Landkarte verschwinden. Im April 2005 ist der Abzug der Truppe aus der Lossestadt amtlich und offizielle Zahlen liegen vor. Lichtenau gehört zu den großen Verlierern der Strukturreform, alle 790 Soldaten werden abgezogen. Insgesamt verliert die Region Nordhessen 4670 Stellen.

Das Bundesamt für Immobilienmanagement (Bima), Stadt, Kreis und Land bemühten sich schnell um eine sinnvolle Nachnutzung des Geländes der Blücher-Kaserne. Der ehemalige Bundeswehrstandort in Hessisch Lichtenau wurde zu einem Gewerbegebiet entwickelt. Die Grundstücke sind seit 2013 komplett verkauft. Seit der Kasernenschließung im Jahr 2006 wurden 33 Hektar Fläche veräußert. Eine Machbarkeitsstudie hatte zunächst ergeben, dass eine Vermarktung wegen der bestehenden Gebäudestruktur und -substanz nicht möglich sei. Die Stadt erstellte dennoch einen Bebauungsplan, ließ etwa 400 Grundstücke auf dem Areal vermessen und vermarktungsfähige Flächen zusammenlegen. Heute befinden sich dort unter anderem Standorte der Firmen Klapp Cosmetics, FMF Müller und Pressler-Logistik, ein Solarpark sowie der Luftsportverein. Insgesamt arbeiten rund 200 Menschen auf dem Gelände.

Ein Großteil der Fläche wird von Pressler-Logistik aus Kaufungen genutzt, die 18 Mitarbeiter am Standort beschäftigt. Der Spediteur lagert hier 4000 Autos. Mit 85 000 bewegten Wagen pro Jahr gehört das Unternehmen zu den größten deutschlandweit. Täglich werden bis zu 40 Transporter be- und entladen. Auch etwa 75 dem Werra-Meißner-Kreis zugewiesene Flüchtlinge fanden Unterkunft in einem ehemaligen Kasernengebäude im Besitz der Firma Klapp.

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