Europa wird entschlüsselt: Witzenhäuser forschen für die Europäische Zentralbank

+
Fragt sich quer über die Europakarte: Flemming Bröcher. Sein Witzenhäuser Marktforschungsinstitut erforscht derzeit für die Europäische Zentralbank, welche Ängste die Litauer vor der Euro-Einführung im Januar 2015 haben.

Witzenhausen. Nur die besten Deutschland-Insider in Litauen kennen Witzenhausen. Was viele Litauer nicht ahnen: In Witzenhausen weiß man fast alles über Litauen. Ein Marktforschungsinstitut forscht im Namen der Europäischen Zentralbank. Die Frage lautet: Wer hat Angst vorm Euro?

Das Witzenhäuser Wissenszentrum liegt in Sprungweite zum Rathaus in der Carl-Ludwig-Straße. Eine Handvoll Marktforscher entschlüsselt von hier aus halb Europa.

Der neueste Auftrag für den dänischen Chefanalysten Flemming Bröcher und seine Witzenhäuser Firma Berent kommt von der Europäischen Zentralbank - und ist von europapolitischer Tragweite.

Die Zentralbank, die mächtige Währungsbehörde der Europäischen Union, fragt: Fürchtet sich Litauen vor der geplanten Euro-Einführung 2015? Und wenn ja, wieso?

Marktforscher Flemming Bröcher: „Wenn es im Volk keine Zustimmung für die neue Währung gibt, kommt es schlimmstenfalls zur Rebellion oder sozialen Unruhen in dem Land.“ Herrscht im Volk die Angst, muss der Staat mit Öffentlichkeits-Kampagnen nachhelfen.

Seit 1998 betreibt Bröcher sein Witzenhäuser Institut, im April bekam er den Zuschlag für das ausgeschriebene Forschungsprojekt. Seitdem arbeitet sein Team an einem gestochen scharfen Stimmungsbild, das sich aus tausenden Fragebögen ergibt, die in Litauen ausgefüllt wurden. Darin stehen Fragen wie: „Hatten Sie jemals ein Euronote in der Hand?“, „Welche Sicherheitsmerkmale kennen Sie?“ und „Welche Preisentwicklung erwarten Sie nach der Euro-Einführung?“. Die Daten sammelten Mitarbeiter der Instituts-Niederlassung in Vilnius, Litauens Hauptstadt.

Bröcher blättert durch Antwortbögen, bis ins Kleinste aufgeschlüsselt nach Alter, Schulabschluss, Einkommen. Schade: Die Ergebnisse dürfen nicht in der Zeitung stehen, es sind teils sensible Daten.

Doch vieles spricht dafür, dass die Skepsis in dem Staat deutlich spürbar ist: Nach Zahlen des Litauischen Verbraucherinstituts waren im vergangenen April fast 90 Prozent der Litauer der Meinung, die Euro-Einführung werde negative Auswirkungen haben. Bröcher verrät so viel: Die Angst sitzt verstärkt in den armen und bildungsfernen Schichten der Bevölkerung.

Für die Witzenhäuser, die neben öffentlichen auch private Aufträge in Skandinavien, im Baltikum und in Deutschland annehmen, ist die Zusammenarbeit mit der Europäischen Zentralbank der Ritterschlag. „Wir sind von oben bis unten durchleuchtet worden. Alles hat gestimmt“, sagt Bröcher.

Von Jan Schumann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare