Dialog hilft gegen Antisemitismus

Evangelisches Forum diskutiert online: Wie lebt es sich heute als Jude?

Die Leitung des Web-Seminars oblag Pfarrerin Sieglinde Repp-Jost als Online-Gastgeberin.
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Die Leitung des Web-Seminars oblag Pfarrerin Sieglinde Repp-Jost als Online-Gastgeberin.

Das Evangelisches Forum Werra-Meißner hat eingeladen zu einer Online-Diskussion. Das Thema: Wie lebt es sich heute als Jude oder Jüdin in der Region?

Dass es heute wieder jüdische Gemeinden in Nordhessen gibt, wäre nicht möglich gewesen ohne die Zuwanderung von Juden, die seit den 90er-Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion kamen. Dessen ist sich Christopher Willing aus der jüdischen Gemeinde in Felsberg sicher.

Zu ersten Mal hat das Evangelische Forum Werra-Meißner einen Diskussionsabend als Web-Seminar gestaltet und fragte zusammen mit dem Verein „Freundinnen und Freude des jüdischen Lebens in der Region Werra-Meißner“, wie es sich heute in Deutschland als Jude lebe?

Virtuelles Treffen

Studienleiterin Sieglinde Repp-Jost legte zu Beginn des virtuellen Treffens die Fakten dar: Vor 1933 habe es 13 jüdische Gemeinden in der Region gegeben, nach dem Zweiten Weltkrieg war das jüdische Leben auch hier erloschen. 2018 gab es in Hessen wieder rund 4500 Menschen, die einer jüdischen Gemeinde angehörten, doch der Antisemitismus habe zuletzt um gut 20 Prozent zugenommen.

Christopher Willing und seine Frau Annette berichteten den Teilnehmern aus ihrer eigenen Biografie, wie sie das Judentum (wieder) entdeckt haben. „Meine Oma war Jüdin, sie hat den Krieg überlebt und ist zum Christentum übergetreten“, sagte Christopher Willing. Sein Vater habe ihn katholisch erzogen, aber seine Mutter wollte wieder zurück zu ihren Wurzeln. So kehrte er 1988 mit ihr zusammen zum Judentum zurück. „Ich fragte mich, ob mir das Judentum die Antworten bieten konnte, die ich suchte. Ich musste zuerst viel über die Religion lernen. Es war ein langer Prozess.“ Seine Frau Annette war der Religion gegenüber aufgeschlossen und konvertierte nach der Heirat. Jetzt studiert sie jüdische Theologie.

Gleichnisse Jesu Christi richtig verstehen

Wann spiele das Jüdischsein eine Rolle in ihrem Alltag?, werden sie gefragt. „Eigentlich nur beim Einkaufen“, erzählen die Willings. „Wir lesen die Inhaltsangaben auf den Produkten durch.“ Denn um koscher essen zu können, müssen sie wissen, was drin ist. Und sie halten die Feiertage ein. Außerhalb der Synagoge sei ihre Religion aber kaum sichtbar, sie tragen keine Kippa auf der Straße. „Die Kippa ist ein Zeichen der Verbundenheit der Juden untereinander“, erklärt Christopher Willing. „Es wäre künstlich, auf der Straße eine zu tragen.“ Antisemitismus habe er selbst in Felsberg, wo ihn die Menschen persönlich kennen, nie erlebt – anders als seine Kinder in der Schule. Aber mit dem Hintergrundwissen über die jüdische Art zu denken („das Judentum denkt spiral, nicht gradlinig“) habe er die Gleichnisse Jesu Christi aus der Bibel erst richtig verstanden, denn diese richteten sich an ein jüdisches Publikum.

Auch Sieglinde Repp-Jost kritisierte, dass die Kirche in der Vergangenheit versucht habe, den jüdischen Kontext aus dem christlichen Glauben zu eliminieren und fragte: „Wie schafft man heute ein Bewusstsein dafür, dass wir als Christen lernen, mit jüdischen Augen auf biblische Texte zu schauen?“ Dr. Michael Dorhs vom Landeskirchenamt plädierte für den Dialog und persönliche Begegnungen als Rezept gegen Antisemitismus. Dr. Martin Arnold möchte mit dem Verein „Freunde“ dazu einen Beitrag leisten. „Das Kalkül des NS-Regimes war es, das Judentum auszumerzen“, sagte er. „Aber wir treten dafür ein, dass das nicht aufgeht.“

Quelle: HNA

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