Ganz ohne Mama und Papa

Neues Projekt begleitet Heimkinder im werra-Meißner-Kreis in die Selbstständigkeit

Machen mit bei Insight: Kimberly Chelcey (von links), Lena, Wajiha und Ali hoffen, dass daraus bald ein großes Netzwerk wird.
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Machen mit bei Insight: Kimberly Chelcey (von links), Lena, Wajiha und Ali hoffen, dass daraus bald ein großes Netzwerk wird.

Das Projekt „Insight“ hilft Heimkindern, die volljährig werden.

Werra-Meißner – Niemand geht zum Elternabend in der Schule, keiner unterstützt beim Umzug oder finanziell beim ersten eigenen WG-Zimmer, der ersten kleinen Wohnung. Keine Tipps für Bewerbungsschreiben, keinerlei Hilfe bei Bank- oder Ämterangelegenheiten. Jugendliche und junge Erwachsene, die außerhalb der Familie in einer Jugendhilfeeinrichtung wie dem Burgenhof der Werraland-Lebenswelten leben, haben selten Helfer und Unterstützer, wenn sie die Fürsorge stationärer Jugendhilfe verlassen.

Dagegen gibt es jetzt „Insight“ – eine einrichtungsübergreifende, unabhängige Selbsthilfe-Kontaktstelle, die Jugendliche bei ihrem Schritt in die Selbstständigkeit begleitet, unterstützt und vernetzt, wie es in einer Pressemitteilung der Werraland-Lebenswelten heißt.

Formal endet die Jugendhilfe mit der Volljährigkeit. „Endlich 18 – darauf freut sich jeder Jugendliche, der zuhause aufwächst. Bei Kindern, die in der Jugendhilfe oder in Pflegefamilien leben, ist oft das Gegenteil der Fall“, sagt Sarah Malzfeld. Die Sozialpädagogin leitet das Projekt, das als einrichtungsübergreifende Selbsthilfe-Kontaktstelle Jugendliche unterstützen und untereinander vernetzen will.

Finanziert wird es mithilfe von Kreismitteln und der Jugendhilfeeinrichtung Burgenhof. Das Angebot soll sich aber auf den gesamten Kreis erstrecken. „Die unter dem Dach der Jugendhilfe aufwachsenden jungen Menschen bestmöglich auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit zu unterstützen, ist uns ein sehr wichtiges Anliegen. Wir sind sehr froh, dass wir dieses Projekt im Werra-Meißner-Kreis gemeinsam realisieren können und damit eine Nachsorge für die jungen Menschen ermöglichen“, sagen Landrat Stefan Reuß und Georg Forchmann, Vorstand der Werraland-Lebenswelten und Geschäftsführer des Burgenhofs.

„Aktuell leben 65 junge Menschen aus dem Werra-Meißner-Kreis in Einrichtungen der Jugendhilfe, davon sind acht bereits volljährig“, sagt Heidi Bevern-Kümmel, Leiterin des Fachbereichs Jugend, Familie, Senioren und Soziales. „Wird die Unterstützung in Form der Heimunterbringung weiterhin benötigt, so kann eine Hilfe auch über die Volljährigkeit für eine befristete Zeit in Anspruch genommen werden.“

Die Angst vor dem Alleinsein sei bei vielen der Jugendlichen sehr ausgeprägt, sagt Malzfeld. „Die Wohngruppe war ihr Zuhause, die Gemeinschaft war ihre Familie, die sozialpädagogische Betreuung war ihr Halt.“ Alleine zu sein und sich auf die Selbstständigkeit vorzubereiten, lernt die 17-jährige Lena zurzeit. Sie zieht im Mai in ein sogenanntes Trainingshaus – eine Schnittstelle zwischen Jugendhilfeeinrichtung und der eigenen Wohnung. „Ich bin dann in der Verselbstständigung“, erzählt Lena. Viele Dinge, um die sie sich vorher nicht eigenverantwortlich kümmern musste, nimmt sie selbst in die Hand. Einkaufen, kochen – Dinge des Alltags, um die sich viele Jugendliche unter dem Dach der Eltern noch keine Gedanken machen.

Ali ist schon einen Schritt weiter. Der syrische Flüchtlingsjunge lebt jetzt mit seinem Vater zusammen, der nach Jahren letztlich ein Visum erhalten hat. Viereinhalb Jahre lebte Ali zuvor im Burgenhof. „Ich freue mich unglaublich, zumindest meinen Vater wieder bei mir zu haben“, sagt der 17-Jährige. Trotzdem sei er auch traurig. „Ich habe die Jugendhilfeeinrichtung nie als Heim gesehen, sondern als Gemeinschaft, als Zuhause“, sagt der angehende Abiturient.

Kein Zuhause, aber eine Gemeinschaft will „Insight“ sein, wie es in der Mitteilung weiter heißt. „Wir sind für alle Jugendlichen da, die in Jugendhilfeeinrichtungen und Pflegefamilien leben“, sagt Malzfeld, „aber auch für junge Menschen, die von Zuhause wenig bis keine Unterstützung bekommen.“ Je größer das Netzwerk wird, desto größer werden die Chancen von ehemaligen Heimkindern im Kreis, ihre Wünsche der eigenen Lebensgestaltung selbstbewusst umzusetzen – ganz ohne Mama und Papa. (sdr)

Kontakt: Sarah Malzfeld, Tel. 0151 28887161, E-Mail: sarah.malzfeld@insight-wmk.de

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