Am Nordhang des Hohen Meißners

Ein ganzes Dorf vom Einsturz bedroht: Weißenbach vor 50 Jahren

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Verlagerung: Die alte Kirche von Weißenbach war 1972 zwar schon seit acht Jahren gesperrt, das Schiff hatte aber noch sein Dach. Derweil war der Bau eines neuen Gotteshauses auf der anderen Seite des Rosentales (hinten rechts) ein halbes Jahr zuvor vollendet worden. 

Weißenbach. Vor 50 Jahren stand der kleine Ort Weißenbach am Nordhang des Hohen Meißners vor großen Veränderungen: Geologisch bedingt bestand plötzlich große Gefahr für das Dorf. Es wurde dann teilweise umgelagert - ein sicherlich seltener Vorgang in Deutschland.

„Ganzes Dorf vom Einsturz bedroht - Todesurteil für Weißenbach“ - dramatisch las sich vor 50 Jahren die Überschrift über den Bericht in der Hessischen Allgemeinen darüber, dass große Teile des Ortes am Nordhang des Hohen Meißners „auf das höchste gefährdet“ seien.

Einen Gutachten zufolge laugt Wasser vom Meißner Gipsablagerungen im Untergrund aus und schafft dadurch Hohlräume, die immer wieder einzubrechen drohen.

Der Bevölkerung von Weißenbach war das bekannt, wie die Zeitung 1964 vermeldete. Man nahm es schon seit Urgroßvaters Zeiten hin, dass sich Hauswände senkten, Risse in Decken und Wänden bildeten, dass sich irgendwo auf dem Feld der Boden senkte oder Trichter zeigten, die Durchmesser von 60 bis 70 Meter aufwiesen, und Krater bis zu zehn Meter Tiefe aufbrachen. Doch erst das jüngste Gutachten vom Hessischen Landesamt für Bodenforschung zeigte „die Gefahr „in ihrer ganze Größe auf und macht Sofortmaßnahmen notwendig“.

Die ersten Auswirkungen der neuen Sensibilität bekommen alle Einwohner mit: Ab Mitte März läuten die Glocken der Kirche nicht mehr. Das Gotteshaus wurde abgeschlossen und mit einem Zaun umgeben, um das Betreten des Grundstücks zu verhindern. Das alte Schulhaus muss von den Mietern unverzüglich geräumt werden. Es wird, weil absturzgefährdet, abgerissen. Mehrere andere Häuser werden als in gleicher Weise gefährdet angesehen. Aber nicht alle fallen der Spitzhacke zum Opfer.

Einteilung in drei Zonen

Das leerstehende Fachwerkhaus des Landwirts Wilhelm Steinmar an der Weißenbachstraße.

Das alte Fachwerkhaus von Landwirt Wilhelm Steinmar beispielsweise kann zwar stehen bleiben, aber Veränderungen daran dürfen nicht mehr vorgenommen werden. Das Gebäude steht heute noch, wenn auch leer. Es befindet sich in der Gefahrenzone 1. Die gesamte Gemarkung des Dorfes wurde in drei Zonen eingeteilt worden, zwei galten als Gefahrenzonen.

Für die Gefahrenzone 1, die den südlichen Teil des Ortes umfasste, wurde ein absolutes Bauverbot erlassen, das auch sämtliche Ausbesserungsarbeiten ausschloss. Eine Umsiedlung war damit praktisch unumgänglich. Für die Zone 2 - die übrige Ortslage, ausgenommen die Ostseite - wurden lediglich noch Renovierungsarbeiten zugelassen.

Und die Zone 3, die Ostseite des Dorfes, wurde als Umsiedlungsgebiet auserkoren. Dort entstand das Neubaugebiet, dort wurde auch die neue Kirche errichtet. Sonst, da sind sich die Zeitzeugen Gerd Röse, Georg Seitz und Harald Stöber einig, hätte das kleine Weißenbach nie ein so riesiges Neubauareal mit 30 Bauplätzen bekommen.

Manche zogen auch weg 

Sieben Familien nahmen die Möglichkeit wahr, rissen ihr altes Anwesen zum Teil ab und siedelten aus dem alten Ortskern ans Wormshölzchen. Eine Familie siedelte nach Ziegenhagen aus. Und der größte Bauernhof mitten im Ort wurde nur 20 Meter weiter auf sicherem Terrain wieder errichtet. Hatte Weißenbach damals gut 200 Einwohner, sind es heute noch 125, die mit Hauptwohnsitz angemeldet sind.

Von Stefan Forbert

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