Gründer des Grenzmuseums Wolfgang Ruske erhält am Freitag den hessischen Verdienstorden

Der Grenze verschrieben

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Dank guter Kontakten konnte der damalige Polizist Wolfgang Ruske vieles retten, was sonst in den Wirren der Nachwendezeit verloren gegangen wäre.

Sickenberg. 1989 überschlugen sich plötzlich die Ereignisse. In Ungarn fällt der Eiserne Vorhang, in Berlin, Leipzig und Dresden demonstrieren Menschen gegen das Regime, in Prag verkündet der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher, dass die Prager Botschaftsflüchtlinge in die Bundesrepublik ausreisen dürfen. Dann fällt in Berlin die Mauer und mit ihr die gesamte innerdeutsche Grenze.

Auch an der thüringisch-hessischen Grenze, an der seit 1961 27 Menschen ums Leben kamen, will man die Grenzanlagen möglichst schnell verschwinden lassen. Wolfgang Ruske, bis dahin Leiter der Schutzpolizei in Eschwege und gerade frisch mit dem Aufbau der Polizeidirektion in Nordhausen betraut, nutzt seine Verbindung und rettet am Schifflersgrund bei Bad Sooden-Allendorf zunächst 2,5 Kilometer des Grenzzauns und einen der Wachtürme, die sich entlang der innerdeutschen Grenze reihten.

Mit interessierten Freunden und Bürgern gründet Ruske 1990 den „Arbeitskreis Grenzinformation“ und am 3. Oktober 1991 das erste Grenzmuseum zur deutschen Teilungsgeschichte. Heute bekommt Ruske dafür von Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier in Wiesbaden den hessischen Verdienstorden am Bande verliehen.

„Wir mussten für spätere Generationen erhalten, was die SED-Diktatur hinterlassen hat“, sagt der inzwischen 72-jährige Ruske zu seiner Motivation, die Grenze nicht nur den Geschichtsbüchern zu überlassen. „Das war eine spannende Aufgabe, die mir viel Spaß gemacht hat.“

Und Erfolg hatte. Das Grenzmuseum hat sich im Laufe von über 20 Jahren vom Museum zu einer Gedenkstätte entwickelt. Jährlich kommen 40 000 Besucher dorthin, nächsten Jahr erwartet Ruske den einmillionsten Gast.

Das Grenzmuseum wird überragt vom grauen Wachturm, der nichts an Bedrohlichkeit eingebüßt hat. Hubschrauber und Fahrzeuge aus Ost und West, die zur Grenzsicherung eingesetzt waren, zeigen, mit welch militärischem Aufwand diese Grenze gesichert und bewacht wurde. Verschiedene Ausstellungen, die über das Leben im Grenzgebiet, denzweiten Weltkrieg und die Opfer der Mauer informieren, sowie wechselnde Ausstellungen geben den Hintergrund.

Viele Schulklassen besuchen das Museum. „Wenn die Schüler gut vorbereitet hierherkommen, dann haben sie einen nachhaltigen Eindruck davon, wie grausam es ist, so eine Grenze zu errichten“, sagt Ruske. „Und sie begreifen, dass hier tatsächlich Menschen erschossen wurden.“

2000 wurde Ruske pensioniert. Mindestens dreimal in der Woche ist er im Museum, das inzwischen elf Mitarbeiter hat. „Das Museum hat sich für mich als sinnvolle Begleitbeschäftigung ergeben“, sagt Ruske, der sich zudem bei der „Aktion für Behinderte“ in Nordhausen, in der deutsch-atlantischen Gesellschaft und als gebürtiger Schlesier in der deutsch-polnischen Gesellschaft engagiert wie im „Weimarer Dreieck“, das sich der deutsch-polnisch-französischen Freundschaft verschrieben hat. Warum er das alles tut? „Ich habe immer großes Interesse am politischen Geschehen gehabt.“

Von Stefanie Salzmann

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