Teilnehmer unzufrieden mit Ministeriums-Antworten

Wiesbaden: Weidetierhalter demonstrieren gegen Hessens Wolfs-Politik 

Gegen die Wolfspolitik Hessens haben am Mittwoch 500 Tierhalter in Wiesbaden demonstriert.
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Gegen die Wolfspolitik Hessens haben am Mittwoch 500 Tierhalter in Wiesbaden demonstriert.

In Wiesbaden gingen 500 Weidetierhalter gegen die, aus ihrer Sicht, verfehlte Wolfs-Politik des Landes auf die Straße. Sie fühlen sich allein gelassen.

Bei der Rückkehr des Wolfes fühlen sich die hessischen Weidetierhalter von der Landesregierung alleingelassen: Das ist nichts Neues, doch nun haben sie ihren Unmut erstmals gemeinsam, laut und öffentlichkeitswirksam kundgetan: Unter dem Motto „5 nach 12“ demonstrierten am Mittwoch rund 500 Tierhalter in Wiesbaden gegen die Politik von Umweltministerin Priska Hinz (Grüne).

„Wir waren über den großen Zulauf sehr überrascht. Es ist gut, dass wir direkt mit der Ministerin ins Gespräch kommen konnten – ich hoffe, dass sich nun etwas tut“, sagt Burkhard Ernst. Der Vollerwerbsschäfer aus Großalmerode ist Sprecher des Hessischen Verbands für Schafzucht und -haltung.

Burkhard Ernst, Sprecher des Hessischen Schafhalterverbands

Priska Hinz stellte sich den Fragen der Demonstranten. „Sie hat dabei aber eher mit Allgemeinfloskeln geantwortet. Deswegen ist auch Unruhe unter den Zuschauern aufgekommen“, sagt Ernst – besonders unter denen, die nicht Schafe, sondern andere Weidetiere haben, denn um die habe sich die Landespolitik bislang überhaupt nicht gekümmert. Es war ein erklärtes Anliegen der Schafhalter, auch Halter anderer Tiere mit ins Boot zu holen.

Umweltministerin Hinz macht Zusage bei Herdenschutzprämie

„Wir haben versucht, der Ministerin klarzumachen, dass die Weideflächen zu 100 Prozent auf den Wolf vorbereitet sein müssen. Wenn man erst anfängt, das zu fördern, wenn es die ersten Angriffe gegeben hat, ist es zu spät“, sagt Ernst. 

Mehrere Schafe wurden bereits im „Drei-Kreise-Eck“ Hersfeld-Rotenburg/Schwalm-Eder/Werra-Meißner im Stölzinger Gebirge gerissen. Auf die einzelnen Punkte des Forderungskatalogs (siehe unten) hat Hinz laut Ernst nicht direkt reagiert.

Sie machte bei Demonstration aber eine Zusage: Die sogenannte Herdenschutzprämie plus soll von jährlich 31 Euro pro Hektar auf 40 Euro steigen. Weitere Maßnahmen sollen in einem Gespräch mit Weidetierhalter-Vertretern am 28. Januar festgelegt werden, heißt es auf Anfrage unserer Zeitung aus dem Umweltministerium.

Das kritisieren die Betroffenen an der Prämie 

Zur Erhöhung der Herdenschutzprämie sagt Burkhard Ernst: „Das reicht bei Weitem nicht aus.“ Er verweist auf eine Rechnung des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft, laut der die Kosten pro Hektar drei bis viermal so hoch sind. 

Durch eine Obergrenze bei dieser Förderung (20.000 Euro pro Betrieb in drei Jahren) sei die Prämie in dieser Form für Berufsschäfer mit großen Weideflächen unzureichend. 

Kleinbetriebe haben oft zu wenig Fläche, um überhaupt förderfähig zu sein. Eine Kernforderung der Schafhalter ist, dass es eine Mindestpauschale zum Wolfsschutz geben soll, unabhängig von der Fläche.

Naturschutzbund: Forderung von Obergrenze und Abschuss ist Panikmache

Die heimische CDU-Landtagsabgeordnete Lena Arnoldt lobt in einer Pressemitteilung den Verdienst der Weidetierhalter um den Artenschutz. Die Rückkehr des Wolfes begrüßt sie, sagt aber auch: „Wir müssen dafür sorgen, dass er an unsere Lebens- und Wirtschaftsweise angepasst ist. 

Dafür braucht es – wie bei anderen Wildtieren auch – eine vernünftige Bewirtschaftung der Bestände.“ Auch faire Entschädigungsregeln bei Nutztierrissen seien ein berechtigtes Anliegen der Tierhalter.

Mark Harthun, Fachbereichsleiter Naturschutz beim Nabu Hessen, lehnte in einer Pressemitteilung die vom Schafhalterverband geforderte Obergrenze für Wölfe ab. „Von Obergrenze und Abschuss zu sprechen, bevor überhaupt der erste junge Wolf in Hessen geboren wurde, ist Panikmache“, sagt Harthun. Auch der Naturschutzbund hält aber eine bessere Unterstützung für Weidetierhalter für nötig.

Das sind die Forderungen der Schafhalter

Der hessische Verband für Schafzucht und -haltung hat im Vorfeld der Demonstration erstmals einen ausführlichen Katalog mit Forderungen an das Land Hessen in Bezug auf die Rückkehr des Wolfs veröffentlicht. 

  • Bestandsgrenze: Das Land Hessen soll sich auf Bundesebene für eine Bestandsobergrenze einsetzten, „analog zu den Bedingungen in Schweden oder Finnland“. In dem Zuge soll der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen werden. 
  • Aufwandsentschädigungen: Der Schutz der Tiere erfordere einen enormen finanziellen und arbeitswirtschaftlichen Aufwand. Die EU genehmige eine vollumfängliche Erstattung dieser Maßnahmen ausdrücklich – dafür solle es einen Rechtsanspruch geben. 
  • Beweislastumkehr: Bei gerissenen Tieren sollen Entschädigungen gezahlt werden, sofern die Behörden nicht nachweisen können, dass kein Wolf der Verursacher war. 
  • Versicherung von Folgeschäden: Die Schäfer fordern eine „unbegrenzte Deckungssicherheit“, falls Schäden durch ausgebrochene Herden im Auto- oder Zugverkehr entstehen. 
  • Transparenz: Die Schäfer fordern „neutrale Begutachter“ für Rissschäden und neue, unabhängige Referenzlabore für die Auswertung von DNA-Proben. 
  • Forschung: Es sollen neue, verlässliche und praktikable Herdenschutzmaßnahmen entwickelt werden.
  • Kompetenzzentrum: Ein bundesweites Wolfs-Kompetenzzentrum sollte unter Einbeziehung von Bauern- und Tierzuchtverbänden eingerichtet werden. 
  • Auswirkungen auf das Ökosystem: Die Auswirkungen des Wolfes auf das Ökosystem in Europa und vor allem in „eng besiedelter Kulturlandschaft“ sollen erforscht werden.

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