Auszubildende für Abwassertechnik

Klischees bei der Berufswahl? - „Männer sind unkomplizierter“

„Die Bakterien sind unsere Freunde“: Dank ihnen wurden die Bestandteile des Abwassers im Belebungsbecken so weit zersetzt, dass es nun erdig riecht, erklärt Selina Bülow, Auszubildende zur Fachkraft für Abwassertechnik.
+
„Die Bakterien sind unsere Freunde“: Dank ihnen wurden die Bestandteile des Abwassers im Belebungsbecken so weit zersetzt, dass es nun erdig riecht, erklärt Selina Bülow, Auszubildende zur Fachkraft für Abwassertechnik.

Klischees, was die vermeintlich geschlechtertypische Berufswahl angeht, sind hartnäckig. Selina Bülow lässt sich davon nicht aufhalten, sie ist Auszubildende für Abwassertechnik.

Anfangs hatte Selina Bülow Zweifel, ob sie mit dem Geruch an ihrer künftigen Arbeitsstätte, der Kläranlage in Fürstenhagen, klarkommen wird. „Aber es ist ein Geruch, an den man sich schnell gewöhnt“, sagt die Auszubildende zur Fachkraft für Abwassertechnik. Selbst in der Rechenanlage, in der gröbere Dinge wie Klopapier, Feuchttücher und Essensreste aus dem Abwasser gefiltert werden, rieche es zwar, stinke aber nicht.

„Denn wenn eine Kläranlage stinkt, läuft etwas verkehrt“, zitiert die 18-Jährige ihren Meister. Zudem spritzten sie alles sauber und müssten nichts mit bloßen Händen anfassen, sondern hätten Handschuhe an. Gedanklich müsse man die Distanz zu den Stoffen und Flüssigkeiten im Wasser wahren. „Es ist eben Abwasser.“

Ein Bürojob kam für die Auszubildende in Hessisch Lichtenau nicht infrage

Dass die Ausbildung zur Fachkraft für Abwassertechnik für Bülow nicht der seit Jahren ersehnte Traumberuf war, gibt sie zu. Klassischer führte sie ihr Weg zunächst in ein Altenheim zum Probearbeiten. Ein Bürojob kam für Bülow jedoch nicht infrage. Ein Männerberuf lag der jungen Frau, die mit zwei großen Brüdern aufgewachsen ist und schon an Autos geschraubt hat, wesentlich näher. Über eine Stellenausschreibung auf der Homepage der Stadt Hessisch Lichtenau wurde die Fürstenhagenerin auf den am Ortsrand gelegenen Ausbildungsort „Kläranlage“ aufmerksam.

Dort arbeitet Bülow nun seit anderthalb Jahren mit ausschließlich männlichen Kollegen zusammen. „Es ist ein anderes Arbeitsklima. Männer sind unkomplizierter, ich kann ihnen meine Meinung sagen oder mal zickig sein, ohne, dass sie es mir übel nehmen“, sagt Bülow, die in der 52-jährigen Geschichte der Kläranlage Fürstenhagen die erste weibliche Mitarbeiterin ist.

Ausbildung zur Fachkraft für Abwassertechnik in Hessisch Lichtenau: Vielseitigkeit begeistert

„Man ist immer noch Mädchen, das legt man nicht ab.“ Daher trägt die 18-Jährige bis auf Ringe, bei denen die Verletzungsgefahr zu hoch sei, viel Schmuck und auch ihre Nägel sind perfekt manikürt. Dabei stört sie die wenig feminine Arbeitskleidung jedoch nicht: In ihrer Freizeit habe sie genug Gelegenheit, sich anders zu kleiden. „Außerdem sind Latzhosen sehr bequem, man muss nirgendwo zubbeln.“

Angenehm sei, dass es sich um keine große Firma handele, denn Bülow hat nur noch fünf weitere Kollegen. Mit denen könne sie viel lachen. Und wenn sie aufgrund ihrer zierlichen Figur für etwas zu klein oder für den Wechsel einer kaputten Pumpe zu schwach sei, erhalte sie von ihnen direkt Hilfe. Auch die Vielseitigkeit der Ausbildung begeistert Bülow. Man habe immer eine gewisse Routine jeden Tag, aber es kämen immer andere Aufgaben hinzu.

Die Auszubildende aus Fürstenhagen gehört zur stärksten Mädchenklasse ihrer Berufsschule

„Ich könnte nicht jeden Tag das Gleiche machen.“ Während ihrer Ausbildung ist Bülow vier Wochen in der Kläranlage und hat danach zwei Wochen Blockunterricht. Dieser findet in Frankenberg statt. Unter den 26 Schülern in ihrer Klasse sind zehn Mädchen. „Es ist seit vielen Jahren die stärkste Mädchenklasse.“ Viele von ihnen seien durch ihre Eltern auf den Beruf aufmerksam geworden.

„Es ist immer anders, als man es sich vorgestellt hat, aber in diesem Fall ist es besser“, sagt Bülow, die nach ihrer Ausbildung gern dortbleiben würde. Und was wünscht sie sich für die Zukunft? „Ich würde mich auf jeden Fall über eine Kollegin freuen“, sagt die junge Frau und verweist auf den ausgeschriebenen Ausbildungsplatz.

Von Gudrun Skupio

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare