Vorwürfe gegen den Vorbesitzer

Fußmarsch mit einem dünnen Pferd von Hopfelde nach Weißenbach

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Man sieht die Rippen: Cloni ist zu dünn. 

Weißenbach/Hopfelde. Viele Vorwürfe, ein langer Fußamarsh und im Zentrum ein Pferd: Die Hopfelderin Johanna Becker hat sich ihren Vierbeiner zurückgeholt. Ihr Vorwurf: Er wurde nicht gut behandelt.

Es ist nasskalt am Ersten Weihnachtstag. Während die meisten Menschen ein Festmahl im Warmen genießen, macht Johanna Becker sich zu Fuß vom Hessisch Lichtenauer Stadtteil Hopfelde auf den rund 15 Kilometer langen Weg nach Großalmerode-Weißenbach. Mit dabei: ihr 15-jähriger Trakehner-Wallach Cloni.

Der Vorfall

Was ist passiert? Am 31. Dezember 2017 verkauft Johanna Becker den braunen Wallach für 500 Euro an Stefan F.* und seine Partnerin. Die dreifache Mutter hatte keine Zeit mehr für ihn. „Ich dachte: Sie kommen aus der Nähe, dann habe ich vielleicht noch einen Blick auf das Pferd“, berichtet Becker. Bilder des Tieres bekommt sie aber trotz Nachfrage nicht.

Verrutschte Bandage: Das Gelenk von Cloni war darüber geschwollen.

Im Dezember 2018 wird sie von Nina Kemmer aus Hopfelde angesprochen. Die Betreiberin einer Pferdepension sagt Becker, dass Cloni und ein schwarzer Trakehner bei ihr stehen. Beide in schlechtem Zustand – zu dünn. Cloni habe zudem eine verrutschte Bandage an einem geschwollenen Gelenk. Becker kümmert sich ab dem 12. Dezember um ihn, einige Tage später meldet sich der Besitzer. Laut Becker sagt er, er müsse das Pferd dringend loswerden. Für 200 Euro kauft sie es am 23. Dezember zurück.

Dünnes Pferd: Auch bei dem Rappen, der mit Cloni eingestallt wurde, waren die Rippen deutlich zu sehen.

Familie Kemmer möchte, dass Cloni schnellstmöglich ihren Stall verlässt, da bisher nichts für seine Unterbringung gezahlt wurde. Allerdings geht das Pferd schlecht auf einen Anhänger. Also geht Becker zu Fuß, denn geritten werden kann der Wallach in seinem Zustand nicht. Gut dreieinhalb Stunden dauert der Marsch nach Weißenbach und „war anstrengend für das Pferd“, sagt Becker. Hier kann sie Cloni kurzfristig im Stall von Marzena Arzer unterstellen.

Die Stallbesitzer

Marzena ArzerWeißenbach

Bei Marzena Arzer hat Stefan F. Cloni bereits die erste Zeit nach dem Verkauf ab Januar 2018 untergebracht. Schon damals habe sie die Stallmiete anmahnen müssen. Schlussendlich habe sie ihr Geld immer bekommen, aber nur nach Aufforderung, berichtet sie.

Im Juli 2018 zieht Stefan F. mit seinen beiden Pferden aus. Er wollte sie selbst versorgen, erinnert sich Arzer. Zwischenzeitlich erfährt sie, dass die Tiere vernachlässigt werden. Sabine Schminke, Reiterin in Weißenbach, informiert das Veterinäramt. Es seien dem Besitzer Auflagen zur Haltung der Tiere gemacht worden, berichtet sie.

Nina KemmerHopfelde

Am 9. Dezember 2018, einem Sonntag, fragt Stefan F. bei Familie Kemmer in Hopfelde an: Er muss fix zwei Pferde unterbringen, weil der Stall marode sei. „Wir hatten Mitleid und haben zugesagt“, sagt Nina Kemmer. Gegen 19.30 Uhr am gleichen Tag werden die beiden Trakehner zu Fuß gebracht. Als ihnen die Decken abgenommen werden, habe er sich angesichts des Zustands erschrocken, sagt Horst Kemmer.

Horst KemmerHopfelde

Am nächsten Tag bringt Stefan F. Reitutensilien. Bis dahin war keine Zeit, den Einstellervertrag anzufertigen, erinnert sich Horst Kemmer. Danach werden die Besitzer nicht mehr gesehen. Kemmers schreiben SMS, fragen nach der Stallmiete. Sie werden vertröstet, drohen erfolglos mit Polizei und Veterinäramt, sagen die Pensionsbesitzer. Horst Kemmer zeigt Stefan F. wegen Betrugs an.

Eigentlich wollen Nina und Horst Kemmer den Kaufpreis für die Pferde als Ersatz für die entgangene Pensionsgebühr haben. Bei Johanna Becker lässt sich der Besitzer nicht darauf ein, berichten sie.

Beim Verkauf des Rappen klappt es. Auch er hat ein neues Zuhause und die 250 Euro decken einen Teil der Kosten für die Pension ab.

Das Veterinäramt

Ob die Vorbesitzer von Cloni dem Veterinäramt bekannt sind und Auflagen zur Pferdehaltung erhalten haben, beantwortet Kreissprecher Jörg Klinge auf Anfrage unserer Zeitung mit Hinweis auf den Datenschutz nicht. Bestätigt wird jedoch, dass dem Amt im Wohnort von Stefan F. eine Angelegenheit bekannt sei, „diese vor Ort begutachtet wurde und entsprechende Auflagen zur ausreichenden Futterversorgung erteilt wurden“, so Klinge.

Der Vorbesitzer

Die Vorwürfe gegen ihn seien eine Intrige, „um mich in die Knie zu zwingen“, schreibt Stefan F. auf Anfrage unserer Zeitung. Es stimme nicht, dass die Pferde nicht richtig versorgt werden. Heu und Zusatzfutter seien gekauft worden, da die Tiere im Winter oft Gewicht verlieren.

Er widerspricht der Aussage, dass er nicht nach den Pferden gesehen habe. Gemeinsam mit Zeugen sei er im Stall gewesen, als ihn niemand gesehen habe. Die Mitbesucher könnten bezeugen, dass die Pferde „nicht so ausgesehen haben, als wir sie dahin gebracht haben“. Bei Vollpension für Pferde gehe man davon aus, „dass sie nicht weiter abbauen, sondern an Masse zulegen“. Auch habe er Nina Kemmer gebeten, die Bandagen am Gelenk nach zwei Tagen abzunehmen, da er es zeitlich nicht geschafft habe. Dem widerspricht Nina Kemmer. Stefan F. sei nicht auf ihre Aufforderung eingegangen, dass die Bandage dringend entfernt werden müsse. Dies habe dann Johanna Becker getan.

Das Pferd

Wie geht es weiter mit Cloni? Erst einmal soll er genesen und zu Kräften kommen, sagt Becker. Er steht im Stall, hat genug zu futtern und auch ein neues Zuhause gibt es schon für den Wallach.

* Name geändert

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