25-Jähriger startet Ausbildung

Geretteter rettet jetzt selbst: Iraker wird Notfallsanitäter in Witzenhausen

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Ahmed Altai traf auf seiner Flucht immer wieder auf Helfer des Roten Kreuzes. Jetzt wird er selbst einer - und macht eine Ausbildung zum Notfallsanitäter.

Ahmed Altai ist Anfang 2016 aus Mossul (Irak) geflohen. Seit fast drei Monaten macht der 25-Jährige nun eine Ausbildung zum Notfallsanitäter beim DRK in Witzenhausen.

Über Notfallsanitäter sagt er: „Sie kannten die Leute nicht und konnten ihre Sprache nicht, aber trotzdem haben sie geholfen.“ Das hat ihn für den Beruf begeistert.

Im Irak hat Altai Englisch studiert, später als Übersetzer für Englisch und Arabisch gearbeitet. Als der Islamische Staat (IS) Mossul besetzt hatte, entschied sich Altai zur Flucht. „Das waren radikale Muslime, die uns wegen ihrer Religion alles verbieten wollten“, erklärt er, der selbst Muslim ist, aber nicht besonders gläubig.

Altai floh in die Türkei. Etwa sechs Monate lebte er dort, arbeitete als Maurer. „Ich habe ohne Ende gearbeitet, aber kaum etwas verdient“, sagt er. Für 600 Dollar brachten ihn Schlepper im Februar 2016 mit einem Boot nach Griechenland. Die Überfahrt dauerte 15 Tage. In Griechenland schlief er mit anderen Flüchtlingen einige Wochen in einer Tankstelle. Mit Bussen und Zügen schaffte er es von Griechenland nach Nordmazedonien und auf den Balkan. „Es war kalt und es gab kaum Nahrung. Wenn es etwas zu Essen gab, war es teuer, sodass ich meistens nur Pommes mit Cola für sieben oder acht Euro kaufen konnte“, erklärt Altai.

Erste Hilfe: Ahmed Altai zeigt eine Notfall-Situation an einer Puppe.

In Kroatien traf er zum ersten Mal auf Mitarbeiter des DRK, die ihn über Österreich nach Rosenheim (Bayern) brachten. „Die haben das einfach so gemacht, ohne dass wir etwas bezahlen mussten“, sagt er. In Rosenheim blieb Altai eine Woche, während seine Papiere von der Polizei geprüft wurden. Er kam in die Hessische Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen. Diese schickte ihn in eine Gemeinschaftsunterkunft nach Eschwege, wo er sich ein Zimmer mit sieben Männern teilte. Dort traf er wieder auf das DRK, als dieses vor Ort einen Einsatz hatte, und begeisterte sich erneut für deren Arbeit. Kurz wohnte Altai in Hanau, bevor er nach Großalmerode kam.

Dort lebt er seit zwei Jahren, lernte mit einem Freund und durch Videos im Internet Deutsch und bewarb sich beim DRK als Notfallsanitäter. Sein Abitur, das er im Irak gemacht hatte und das in Deutschland anerkannt wurde, half ihm dabei. Er hatte es auf seiner Flucht mitgenommen. „Ich war beim Vorstellungsgespräch begeistert, wie gut er nach der kurzen Zeit Deutsch sprechen konnte“, sagt Michael Niggemann, stellvertretender Leiter des Rettungsdienstes Witzenhausen: „Das habe ich auch schon anders erlebt.“

Nach zwei Tagen Probearbeit wurde Altai eingestellt. Seine Chancen, in Deutschland zu bleiben, schätzt er hoch ein. „Für die Ausbildungszeit darf ich in Deutschland bleiben und zahle alles selbst, wie Miete, Strom und Versicherungen.“ Danach sieht Niggemann gute Chancen. „Wir haben ein extrem starkes Interesse daran, Auszubildende zu übernehmen. Eine Ausbildung zum Notfallsanitäter ist bei dem derzeitigen Fachkräftemangel eine bundesweite Jobgarantie“, erklärt er. Das kommt auch Altai entgegen, denn: „Ich will den Beruf bis zum Ende meines Lebens machen“, sagt er.

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