Kampf gegen Fresken-Schwund

Restauratorinnen retten historische Wandmalerei in Bad Sooden-Allendorf

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Viele Problemzonen: Überall, wo rote Punkte aufgeklebt sind, muss der aufgewölbte Putz mit dem Mauerwerk verbunden werden. Marianne Happel vom Förderverein zeigt auf ein paar der markierten schadhaften Stellen.

Bad Sooden-Allendorf. Zwei Restauratorinnen sichern derzeit die mittelalterlichen Malereien in der Kapelle des Hospitals „Zum Heiligen Geist" in Allendorf.

Möglich machen das die Hessische Denkmalpflege und der Förderverein, der im September beschloss, mit 12 500 Euro die Arbeiten zur Hälfte zu finanzieren. Die Stadt, die seit 1925 Eigentümerin der Kapelle ist, hatte aufgrund ihrer schwierigen Finanzlage nichts gegen die fortschreitende Schädigung der einzigartigen gotischen Fresken unternommen.

Seit über einer Woche sind in der Kapelle zwei mobile Gerüste aufgebaut, sodass die beiden Restauratorinnen auf drei Ebenen mit viel Fingerspitzengefühl und Fachkenntnis die nötigen Feinarbeiten ausführen können. Rote Punkte an den Wänden, die schon bei einer vorausgegangenen Begutachtung aufgeklebt worden waren, markieren alle Schäden und machen das Ausmaß deutlich. An vielen Stellen hat sich die Putzschicht bereits vom Mauerwerk abgewölbt. Es ist das Ziel der Expertinnen, sämtlichen Putz wieder mit der Wand zu verbinden und damit das Abblättern zu verhindern. Denn dieser Putz ist nicht einfach ein Kalkmörtelaufstrich: er wurde die Grundlage von Wandbildern mit christlichen Motiven. Die ersten Ausmalungen erfolgten schon um 1350/1360, also vor 660 Jahren.

Marianne Happel, die Vorsitzende des Fördervereins, spricht denn auch von einem einmaligen kostbaren Kulturerbe, das erhalten werden soll.

Wenn die Restauratorinnen nach drei Wochen ihren Auftrag abgeschlossen haben, ist nur ein erster Schritt zum Sichern der Fresken getan. Denn insbesondere auf der Westwand in der Ecke mit der selten auf einem Fresko dargestellten Sakramentsmühle steigt Feuchtigkeit auf. Die Folge: Der Putz wird mit Salzen belastet, die letztlich zur unwiederbringlichen Zerstörung der gotischen Kunstwerke führen. Deshalb muss noch ein Konzept erstellt werden, um die Feuchtigkeit einzudämmen. Das kostet wieder Geld, das der Förderverein nicht hat. Deshalb hofft Marianne Happel auf weitere Spenden, um die Fresken „für unsere Nachkommen erhalten zu können“.

So arbeiten die Restauratorinnen: Sie klopfen die Wand mit den Handknöcheln ab und hören so die Hohlstellen zwischen Putzschicht und Mauerwerk. In die abgewölbten Stellen wird dann ein kleines Loch gebohrt. In dieses wird mit einer Injektionsnadel durch eine Kanüle zunächst ein Bindemittel in die Blase gespritzt, um Staub und lose Teile zu verkleben. Nach dieser Vorfestigung erfolgt die eigentliche Verklebung mit einem Injektionsmörtel, der den Hohlraum dann ausfüllt. So werden Putzschicht und Mauer wieder verbunden.

Dieses Können muss lange gelernt sein: 

- Kirsten Harms (40), seit 20 Jahren im Metier, ist Diplom-Restauratorin im Bereich Malerei. Nach vier Jahren Praktikum studierte sie die Restaurierung von Kunst- und Kulturgut im Fachbereich Wandmalerei.

- Andrea Neitzel (40) beschäftigt sich auch seit 20 Jahren mit dem Restaurieren. Sie absolvierte eine fünfjährige Ausbildung als Restauratorin im Handwerk im Fachbereich Putz- und Steinkonservierung.

Dünne und dickere Bohrer, unterschiedlich starke Nadeln, harte und weiche Pinsel, ein kleiner Blasebalg und mehr gehört zu ihrem Handwerkszeug. Vorsichtig werden auch Staub von den Malereien und Spinnweben von den Decken gefegt, auch ein Staubsauger kommt da mal zum Einsatz. Unbemalter Putz wird auch mal mit einer Feile behandelt.

Harms und Neitzel legen großen Wert darauf, dass sie den Bestand sichern, also konservieren. Sie zeichnen also keinen Strich nach, ergänzen kein Bildnis. „Das Originale soll unverfälscht erhalten werden“, betont Kirsten Harms. Deshalb wird der Betrachter nach der Restaurierung auch kaum einen Unterschied zu vorher erkennen. Höchstens die blassen Farben können nach dem Entstauben etwas frischer wirken.

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