Gastronomie, Fitnessstudios, Kinos

Corona-Pandemie: Lockdown trifft viele Branchen im Werra-Meißner-Kreis hart

An den Tisch angelehnte Stühle.
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Die Plätze der Gastronomen bleiben im November wohl vorerst leer.

Auch wenn der „Lockdown Light“ nicht so weitreichend ist wie im Frühjahr, sind viele Menschen im Werra-Meißner-Kreis betroffen. Wir haben uns am Donnerstag umgehört.

Werra-Meißner – Mit Sorge blicken Firmenchefs in vielen Branchen im Werra-Meißner-Kreis auf die nächsten Monate. Wegen des am Mittwoch beschlossenen Teil-Lockdowns müssen sie ihre Betriebe schließen. Bei Schulen und Senioreneinrichtungen herrscht dagegen Erleichterung, dass die Regeln hier nicht verschärft wurden.

Gastronomie

„Es ist ein extremer Vertrauensbruch, der der Gastronomie unheimlich wehtut“, sagt Christian Pelikan, Vorsitzender des Hotel- und Gastronomieverbandes (Dehoga) im Kreis und selbst Gastronom in Bad Sooden-Allendorf, zum Teil-Lockdown im November.

Da die Regierung lange gesagt habe, dass bei strengen Hygienevorschriften die Betriebe geöffnet bleiben könnten, habe die Branche massiv investiert – in Plexiglasscheiben, Lüftungssysteme und Heizstrahler. Wenn das nicht mehr ausreiche, müsse man sich diesem Urteil fügen, sagt Pelikan. Für ihn ist aber nicht schlüssig, warum der Handel weiter uneingeschränkt Alkohol verkaufen dürfe. „Es ist kein Geheimnis, dass, wenn wir um 23 Uhr schließen, der Alkoholkonsum in privaten Kellerbars weitergeht – unter nicht so strengen Hygienekonzepten wie bei uns.“ Gerade das Beispiel des Corona-Falls in einem Gasthaus in Kleinvach im September habe gezeigt, dass die Hygienekonzepte funktioniert hätten: Kein Gast habe sich dort angesteckt. Zudem versteht Pelikan nicht, warum der Tourismus eingeschränkt werde, Dienstreisen aber erlaubt bleiben. Pelikan fürchtet, dass man die hohen Ansteckungszahlen nicht binnen vier Wochen in den Griff bekommen wird: „Wie viele Tage soll das nächste Jahr haben? Wie viele Feiern sollen wir dann an einem Tag ausrichten?“ Pelikan kritisiert, dass die Gastronomie keine Industrie sei, aber so behandelt werde. „Ein Jahr Kurzarbeit mit der Perspektive, auf nächstes Jahr zu verlängern – das ist doch kein Wirtschaftsplan!“ In seinen Augen werden auch die psychischen Folgen für Menschen in Kurzarbeit, die jetzt nichts mehr unternehmen könnten, nicht genug berücksichtigt.

Tourismus

„Die Betriebe sind stark gebeutelt“, bestätigt Marco Lenarduzzi, Geschäftsführer vom Geo-Naturpark Frau-Holle-Land. Dabei seien die Vorkehrungen in der Gastronomie gut gewesen. Es bleibe zu hoffen, dass die Finanzhilfen schnell bei den Betrieben ankommen und auch ausreichen. Es gelte, die nächste Zeit zu überstehen – und dann die Chancen zu sehen: „Der Deutschland-Tourismus hat profitiert und das Reiseverhalten wird sich nicht schlagartig ändern.“

Fitnessstudios

Zwei Seelen wohnen in seiner Brust, sagt Peter Dimmer, Inhaber von Family Fitness in Witzenhausen. Die neuen Regeln seien verständlich, da das Coronavirus in den Griff gebracht werden muss. Schade sei aber, dass pauschal alle Fitnessstudios geschlossen werden – auch solche wie seines mit gutem Hygienekonzept und einer Filteranlage, die am Freitag geliefert wird.

Therme und Hallenbäder

Ob die Werratal-Therme in Bad Sooden-Allendorf geöffnet bleibt, konnte Betriebsleiter Patrick Gerlach noch nicht sagen. Bis Donnerstagnachmittag lagen keine Regeln des Landes Hessen vor.

Kinos

Das Capitol-Kino in Witzenhausen wird ab Montag, 2. November, bis auf Weiteres schließen, die nächsten Kino-Veranstaltungen in der Kirche in Hundelshausen sind abgesagt. „Zwar sind keine Fälle bekannt, in denen nach Kinobesuchen die Verbreitung des Virus beschleunigt wurde. In den Kinos sitzen die Menschen weit auseinander und folgen sinnvollen Hygienekonzepten“, sagt Geschäftsführer Wolfgang Würker. „Aber es ist zurzeit allergrößte Vorsicht geboten und so werden wohl die Kinos in den Lockdown mit einbezogen.“ Dennoch sei es bitter, dass es derzeit keine Kulturveranstaltungen gibt, so Würker. Das Capitol Kino bewege sich finanziell an einer Grenze. Man arbeite aber bereits am Programm für Dezember.

Wirtschaft

„Wir waren wirtschaftlich wieder auf einem besseren Weg und hatten nicht nur gefühlt einen Wendepunkt erreicht“, sagt Dr. Lars Kleeberg, Wirtschaftsförderer im Werra-Meißner-Kreis. Der erneute Lockdown werde besonders jene hart treffen, die trotz des Aufschwungs der letzten Monate nur zögerlich wieder in Fahrt kamen. „Nun stehen erst recht Existenzen auf dem Spiel“, ist sich Kleeberg sicher – besonders in der Veranstaltungs-, Reise- und Gastronomiebranche.

Die Industrie- und Handelskammer hält sich noch bedeckt. Auf lokaler Ebene sei es zu früh, um über die Auswirkungen des Lockdowns Aussagen treffen zu können.

Senioreneinrichtungen

Keine neuen Einschränkungen gab es für Seniorenheime. So können etwa ins Geriatrie-Zentrum Rhenanus in Bad Sooden-Allendorf weiter Besucher kommen, wie Verwaltungsmitarbeiterin Rebecca Laudenbach bestätigt. Die ohnehin strengen Regeln für einen Besuch gelten weiter: So wird bei Gästen Fieber gemessen, sie müssen Schutzkleidung tragen und einen Fragebogen ausfüllen.

Die Tagespflegeeinrichtung der Diacom in Großalmerode ist nach dem positiven Test einer Mitarbeiterin vorerst geschlossen. In Quarantäne mussten deswegen acht Besucher vom vergangenen Freitag, so Geschäftsführer Torsten Rost. Da Mitarbeiter immer einen Mund-Nase-Schutz tragen, sei ein Test zwar nicht vorgeschrieben. Dennoch habe man entschieden, dass auch sechs Mitarbeiter getestet und bis zum Ergebnis nicht mehr eingesetzt werden. Die Pflegeeinrichtung bekommt Antigenschnelltests, die laut Rost wohl kommende Woche geliefert werden. Bei dieser neuen Teststrategie wird ein Rachenabstrich gemacht, der aber vor Ort ausgewertet werden kann. Nach 20 Minuten soll die Testflüssigkeit anzeigen, ob eine Viruslast vorliegt. Rost hofft, damit morgens die Besucher der Einrichtung testen zu können.

Schulen

Auch die Schulen sollen geöffnet bleiben – das war auch eine der Forderungen von Carla Schäfer, Elternbeirätin an den Beruflichen Schulen Witzenhausen. Ein Kritikpunkt aber bleibt auch nach den Beschlüssen vom Mittwoch: „Die Schulen bräuchten einen einheitlichen Stufenplan“, findet Schäfer – und schlägt vor, das Tragen eines Mundschutzes auch im Unterricht stufenweise vom Erreichen bestimmter Inzidenzwerte im Kreis abhängig zu machen.

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