Interview mit Biologe Haaß über die Hochwasser-Folgen

Nach dem Hochwasser rät Experte: Nichts aus eigenem Garten essen

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Wie sich das Hochwasser auf die Werra-Aue bei Wendershausen ausgewirkt hat, ist auf diesen beiden Luftaufnahmen zu sehen. Vorher...

Werra-Meißner. Welche Schäden Hochwasser anrichten, wird erst später sichtbar. Über die Auswirkungen der Werra-Flut auf Böden und darauf stehende Pflanzen haben wir mit Diplom-Biologe Werner Haaß vom BIL-Büro aus Witzenhausen gesprochen.

Herr Haaß, im Geschichtsunterricht lernt man, dass sich die Bauern im Niltal über Hochwasser gefreut haben, weil es die Böden so fruchtbar macht. Gilt das auch für die Werra?

Werner Haaß: Im Prinzip gilt das für alle Flüsse. So sind auch die fruchtbaren Auenböden im Werratal durch die Werra entstanden. Durch Hochwasser wurde in der Vergangenheit eine zwei bis drei Meter dicke Auenschicht im Werratal abgelagert, die die Bauern eigentlich gern haben. Nur gibt es inzwischen Öltanks, Kläranlagen, Straßen und vieles mehr, wovon bei Hochwasser alle möglichen Schadstoffe ausgeschwemmt werden, die dann landwirtschaftliche Flächen und Gärten belasten.

Wie viele Schadstoffe sind durch das jüngste Hochwasser in den Böden gelandet?

 ... und nachher.

Haaß: Das ist noch unklar. Untersuchungen des Regierungspräsidiums Gießen, das bei Herleshausen Proben gezogen hat, werden derzeit ausgewertet. Ich vermute, dass die Schadstoff-Konzentration längst nicht so hoch ist wie an Donau und Elbe, wo das Hochwasser verheerender war und es auch mehr Industrie entlang der Flüsse gibt. Aber Gewissheit gibt es erst, wenn die Proben ausgewertet sind.

Können Bauern und Gärtner trotzdem Futtermittel und Gemüse ernten?

Haaß: Fäkalkeime aus überfluteten Kläranlagen und Schadstoffe von Straßen, aus Industrie- und Gewerbegebieten, überfluteten Kellern und anderem mehr bleiben auf der Vegetation liegen und werden unterschiedlich schnell ausgewaschen. Alles, was aus dem Wasser herausgeragt hat, kann man sicher verzehren. Für Kirschbäume gibt es also kein Problem. Anders ist es bei allen Früchten und Pflanzen, die direkten Kontakt mit dem Hochwasser hatten. Das würde ich nicht essen und deswegen lieber auf Petersilie und Erdbeeren aus dem eigenen Garten verzichten.

Sehen die Äcker wegen der Schadstoffe so schlimm aus?

Haaß: Nein. Was wir sehen, sind vor allem direkte physikalische Folgen des Hochwassers. Alles, was länger im Wasser stand, ist stark geschädigt. Dieses Hochwasser kam einfach zum falschen Zeitpunkt, weil die Vegetationszeit bereits eingesetzt hatte und die Pflanzen der Wiesen und Äcker direkt betroffen waren. Wesentlich geringere Schäden sind beim letzten Werra-Hochwasser im Januar 2011 entstanden. Damals gab es auf den Äckern einen geringen oder gar keinen Bestand.

Wie lange brauchen die Böden, um sich von einem Hochwasser zu erholen?

Haaß: Das hängt von der tatsächlichen Konzentration der Schadstoffe ab, die aber noch nicht bekannt ist. Verschiedene Stoffe wie Schwermetalle werden länger im Boden gehalten und nicht so schnell ausgewaschen. In letzter Konsequenz müssten bei starken Belastungen gegebenenfalls Flächen stillgelegt werden. Das ist aber derzeit nicht zu erwarten. Nach dem Hochwasser 2011 haben wir Böden an der Werra auf Schwermetalle untersucht. Die Werte lagen weit unter den geltenden Grenzwerten der Bodenschutzverordnung.

Welche Folgen hat der hohe Salzgehalt der Werra durch die Abwässer der Kali-Industrie?

Haaß: Bei Hochwasser ist der Salzgehalt so niedrig wie sonst nie, weil viel Wasser zum Verdünnen da ist. Das zeigen auch Messungen der Flussgebietsgemeinschaft Weser. 2011 wurden beim Hochwasser etwa 230 Milligramm Natrium und 565 Milligramm Chlorid pro Liter gemessen. Der zulässige Grenzwert liegt in der Werra aber bei 2500 Milligramm Chlorid pro Liter. Auf die Böden hat das Salz nur geringe Auswirkungen, weil Chlorid und Natrium schnell ausgewaschen werden.

Fotos: Hochwasser-Schäden an der Werra

Luftaufnahmen: Hochwasser-Schäden an der Werra

Was müsste geschehen, um die Hochwasser-Schäden zu verringern? Hat die Werra genug Platz sich auszubreiten?

Haaß: Die Werra hat an vielen Stellen Platz, um auszuufern. Sie ist nicht vergleichbar mit der weitgehend eingedeichten Elbe. Aber man könnte auch an der Werra etwas tun: Erstens sollte man möglichst nicht weiter in die Auen hineinbauen. Der zweite Punkt ist eine Umstellung der Landwirtschaft direkt am Fluss. Wenn Hochwasser häufiger werden, wie Klimaforscher voraussagen, wird man vermehrt auf Grünlandwirtschaft setzen müssen. Aber auch die Landwirte sind zu verstehen, die die an sich guten Böden für den Ackerbau nutzen wollen. Zuletzt könnte man die Werra an einigen Stellen umgestalten, indem Flutmulden angelegt werden oder an geeigneten Flächen das Flussbett verbreitert wird. Das könnte zum Beispiel Ermschwerd, Wendershausen und andere Ortschaften entlasten. In Rotenburg wurden ähnliche Maßnahmen nach einem Hochwasser 1995 an der Fulda durchgeführt. Dies hat dort zu einer deutlichen Absenkung des Wasserspiegels bei Hochwasser im Stadtgebiet geführt.

Von Claas Michaelis

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