Ökologie und Nachhaltigkeit punkten

Naturkostladen aus Witzenhausen schlägt bei Gemeinwohl-Bilanz große Firmen

Bekam bei der Bilanzierung Unterstützung von vier Studentinnen: Schachtelhalm-Buchhalterin Gertrud Peter.
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Bekam bei der Bilanzierung Unterstützung von vier Studentinnen: Schachtelhalm-Buchhalterin Gertrud Peter.

Wie verantwortungsbewusst arbeiten heimische Betriebe? Das wollten die Teilnehmer eines Projektseminars am Uni-Standort Witzenhausen herausfinden. Sie kamen zu einem überraschenden Ergebnis.

Witzenhausen – Die Studierenden um Prof. Dr. Christian Herzig suchten 2019 über die HNA nach Firmen, die bereit waren, sich dafür nach den Kriterien der Gemeinwohlökonomie bilanzieren zu lassen. Wie sehr beziehen sie die Umwelt und soziale Folgen in ihr Handeln ein? Der Witzenhäuser Naturkostladen Schachtelhalm machte mit – mit einem überraschenden Ergebnis.

769 von 1000 Bilanzpunkten hat das Unternehmen auf einer Skala erreicht, auf der auch einige 1000 Minuspunkte möglich sind. Von einem „großartigen Wert“ spricht Professor Dr. Christian Herzig von der Universität Kassel, der die Bilanzierung unterstützt hat. Der Schachtelhalm, so der Leiter des Fachgebiets „Management in der internationalen Ernährungswirtschaft“ in Witzenhausen, schwimme „vorneweg“.

Zum Vergleich: Der Bergsportausrüster Vaude kam auf 631 Punkte, die Sparda-Bank München auf 602 Punkte, der Anbauverband Bioland auf 488 Punkte oder die Tageszeitung taz auf 395 Punkte. In der Region machten sieben Unternehmen, vor allem aus Stadt und Landkreis Kassel, aber auch aus dem Landkreis Northeim, mit. Fast 30 Studierende beteiligten sich an dem Projekt.

Man habe auf den Aufruf des Professors im Frühjahr 2019 in der HNA reagiert, sagt Schachtelhalm-Buchhalterin Gertrud Peter. „Bei uns erfassten vier Studentinnen die notwendigen Daten.“ Acht Mal trafen sie sich mit den Mitarbeitern zu je vierstündigen Arbeitssitzungen. Untersucht wurden die Beziehungen zu Lieferanten, Finanzpartnern, Mitarbeitern, Kunden sowie zum gesellschaftlichen Umfeld. Die Bewertungen erfolgten in den Kategorien Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung.

„Im Bereich Lieferanten schlug positiv zu Buche, dass unsere Zulieferer wie Bioland oder Demeter bereits hohe Standards erfüllen“, sagt Peter. Bei den Finanzpartnern gab es Abschläge bei der Hausbank. Sie ist zwar als Genossenschaft organisiert und tritt als regionaler Sponsor auf, lege Gelder aber nicht konsequent nachhaltig an.

Zwölf Euro zahlt der Laden seinen Mitarbeitenden in der Stunde. „Das sind nicht die höchsten Löhne“, weiß Peter. Andererseits erhielten die Kollegen Rabatt auf Einkäufe. Bei den Kunden sei der hohe Prozentsatz an Stammkunden und der barrierefreie Zugang positiv vermerkt. Beim Beitrag zum gesellschaftlichen Umfeld gab es Minuspunkte, weil das Fachwerkhaus nicht energieeffizient ausgebaut ist. „Eine erste Fassung des Berichts lag im Juli 2019 vor“, erinnert sich Peter. Er wurde bei zwei Treffen mit den anderen sechs bilanzierten Firmen diskutiert. Im Spätherbst 2019 stand dann die Endfassung. Das Testat wurde im Februar 2020 erteilt. „Die offizielle Übergabe ist aufgrund der Corona-Pandemie bisher nicht erfolgt“, bedauert die Buchhalterin. Um künftig die eigene Bilanz zu verbessern, denke man über einen E-Bike-Lieferservice, einen Wechsel der Hausbank und weniger Kunststoffverpackungen nach.

Studierende gründeten den Schachtelhalm 1982 als Food-Coop. 1984 entstand der Verein. Er hat den nur 80 Quadratmeter großen Laden 2017 in eine Unternehmensgesellschaft überführt, die ihm zu 100 Prozent gehört. (Michael Caspar)

Das steckt hinter dem Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie

Ein Unternehmen kann Raubbau an der Natur treiben, Mitarbeiter ausbeuten, Kunden übers Ohr hauen – und trotzdem glänzende Bilanzzahlen vorlegen. Auf die begrenzte Aussagekraft von Finanzdaten, die die tatsächlichen Kosten nicht erfassen, weisen kritische Wissenschaftler seit Langem hin. „In den vergangenen 30 Jahren wurden deshalb unter anderem Öko- und Nachhaltigkeitsbilanzen entwickelt“, berichtet der Witzenhäuser Professor Christian Herzig.

Noch umfassender ist der Ansatz der Gemeinwohl-Bilanz, die der österreichische Autor, Aktivist und Tanzperformer Christian Felber für Firmen, aber auch Kommunen, Vereine und Einzelpersonen erstellt hat. 2010 startete er mit einigen Unternehmen das Projekt Gemeinwohl-Ökonomie. Mittlerweile haben mehr als 500 Firmen eine Gemeinwohl-Bilanz vorgelegt. „Der Blick auf die eigenen Stärken und Schwächen hilft ihnen bei der Unternehmensentwicklung“, meint Herzig. Felber fordert Steuervorteile für Firmen, die gute Gemeinwohlwerte erreichen. (zmc)

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