1. Werra-Rundschau
  2. Lokales
  3. Kreisteil Witzenhausen

Von Marzhausen nach Tscherkassy: Die Geschichte von drei Familien und einem T4

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Maren Schimkowiak

Kommentare

Eine tolle Marzhäuser Hilfsaktion: Gemeinsam haben die Familien Marx und Schimkowiak ihren neuen ukrainischen Freunden geholfen. Außerdem konnten auch Spenden vom Feuerwehrverein und Natur- und Heimatverein gesammelt werden.
Eine tolle Marzhäuser Hilfsaktion: Gemeinsam haben die Familien Marx und Schimkowiak ihren neuen ukrainischen Freunden geholfen. Außerdem konnten auch Spenden vom Feuerwehrverein und Natur- und Heimatverein gesammelt werden. © katja schimkowiak

Was für eine Hilfsaktion: Nachdem eine ukrainische Familie mit Autopanne in Neu-Eichenberg gestrandet ist, setzen zwei einhimische Familien alles daran, den vier Ukrainern auf dem Weg zurück in die Heimat zu helfen.

Neu-Eichenberg - Seit Beginn des Krieges in der Ukraine hat die Werra-Rundschau immer wieder über Familien berichtet, die Geflüchteten einen sicheren Zufluchtsort bieten. Auch als Redakteurin war ich schon auf einem solchen Hausbesuch und war beeindruckt von diesem Akt der Menschlichkeit. Was aber passiert, wenn man die Distanz verliert und Hilfesuchende plötzlich an die eigene Tür klopfen, davon kann ich nun selbst berichten.

Der Start

Pfingstmontag, 19 Uhr: Dieser Abend wird uns noch lange im Gedächtnis bleiben. Ich sitze mit meiner Familie beim Abendessen auf dem Balkon, gerade im Begriff noch einmal kurz ins Schwimmbad zu fahren, da hält plötzlich ein weißer VW Bus direkt in unserer Einfahrt. „Hey, Ihr müsst da wegfahren“, rufe ich dem aussteigenden Mann ruppig entgegen. Der zuckt nur verständnislos die Achseln und deutet auf sein Auto, von dem sich bald herausstellt: So schnell wird das Fahrzeug mit ukrainischem Kennzeichen nirgendwo mehr hinfahren. Der VW Bus, der laut Schätzung des Fahrzeuginhabers Alexander, eine Million Kilometer runter hat und stolze 25 Jahre alt ist, hat einen kapitalen Schaden, so schätzt es jedenfalls unser Freund und Kfz-Meister Andreas Marx ein, den mein Mann Johannes und ich in unserer Ratlosigkeit angesichts des liegen gebliebenen T4 anrufen. Gemeinsam auf der Straße stehend und wild gestikulierend, suchen wir nach Lösungen. Ich rufe den ADAC an, der schleppt den VW Bus zwar in eine Fachwerkstatt nach Göttingen, was die Sache aber nicht einfacher macht, wie sich später herausstellen wird. „Wann können wir das Auto reparieren lassen, wann können wir nach Hause?“

Immer wieder spricht der 50-jährige Alexander diese Fragen in die Übersetzungs-App, während Frau Irina (33) die beiden Kinder Alona (8 Jahre) und Veronika (8 Monate) vertröstet, ihr selbst sieht man die Strapazen deutlich an: Die vergangenen zwei Monate hatte sie mit den Kindern Schutz bei Bekannten in den Niederlanden gefunden. Nun wollte Alexander seine Familie in die Heimatstadt Tscherkassy zurückholen.

Aber die Zeit drängt, in wenigen Tagen muss der Militärhelfer wieder zurück sein, sonst drohen ihm Konsequenzen. Und nun stecken sie unverhofft in Marzhausen fest, nicht gerade eine Metropole – da würde ich auch mit den Tränen kämpfen.

Wir wissen alle nicht weiter, nur, dass die einzige Antwort an diesem Abend darin besteht, schnell ein paar belegte Brote zu zaubern, unser Sofa auszuklappen und diesen glücklosen Fremden eine improvisierte Schlafgelegenheit zu bereiten.

Am nächsten Tag würden wir weitersehen. Wie sich herausstellte, war es schier unmöglich, den Bus innerhalb kurzer Zeit und mit geringem finanziellen Einsatz reparieren zu lassen.. Keine gute Nachricht für die Ukrainer, der Bus war ihr Heiligtum und der Satz: „Ohne ihn fahren wir nicht zurück“, hält uns die folgenden Tage auf Trab.

Die Mission

Etwa 2.000 Nachrichten in einer WhatsApp-Gruppe zeugen von einer gemeinsamen Mission: „Dann bringen wir Euch zurück“, versprechen Andreas Marx und mein Mann der Familie mit Handschlag, zumindest die rund 850 Kilometer nach Krakau. Dort könnten Freunde den Bus günstig reparieren, versichert uns Alexander. Der Plan ist gefasst, was fehlt, ist ein Fahrzeug, das geeignet ist, sechs Insassen plus Anhänger und Bus zu transportieren.

Zwei volle Tage klappern wir all unsere Kontakte ab, fragen Kunden und Kollegen, Freunde und Bekannte, doch immer scheitert es entweder an den Sitzplätzen oder der Zuglast.

„Dann lasst es gut sein, mehr könnt Ihr nicht machen“, höre ich von Bekannten, denn die ganze Aktion verlangt allen einiges ab. Aber ein Versprechen ist ein Versprechen und Aufgeben keine Option. Dann die neue Idee: Wir fahren mit zwei Autos, unserem eigenen für die Personenbeförderung und einem Sprinter, der den Bus ziehen wird.

Die Unterstützung

Zudem können wir über verschiedene Vereine – hier zu nennen wären der Feuerwehrverein Marzhausen, der Natur- und Heimatverein Marzhausen, der FC Hebenshausen, Eschwege hilft sowie die evangelische Kirchengemeinde Neu-Eichenberg und einigen privaten Spendern – Geld für die Rückfahrt und die Reparatur des Busses sammeln.

Am Samstagmorgen geht es dann los – ein Roadtrip nach Krakau, auf den sich mein Mann inzwischen richtig freut. Und als der Autokorso mitsamt aufgeladenem VW Bus Fahrt aufnimmt, sind wir alle erleichtert. Für den Moment.

Die Probleme

Doch wieder soll es anders kommen und wieder muss neu gedacht werden, denn am Ende müssen wir einsehen: Auf diesem Weg geht es nicht, denn der geliehene Sprinter hat doch nicht die benötigte Zugkraft, wie ein Polizist der Reisegruppe unmissverständlich mitteilt.

Bußgeld und Flensburger Punkte drohen. Also zurück nach Neu-Eichenberg. Eine herbe Enttäuschung für uns alle, die in den vergangenen fünf Tagen so intensiv an dieser Hilfsaktion gearbeitet hatten. Bitterer wird es noch, als Irina plötzlich die Nachricht von dem Tod ihrer Mutter erhält, „Ich müsste jetzt dort sein, warum bin ich hier?“ Darauf hat niemand eine Antwort.

Am Ende kommt ein Bekannter aus der Ukraine und schleppt die Familie samt Bus ab. Inzwischen sind die vier wieder wohlbehalten in Tscherkassy angekommen, wo es zwar noch keinen Frieden gibt, aber doch ihre Heimat ist.

Uns alle beschäftigt diese Erfahrung auch mit einer Woche Abstand noch sehr. „Wir haben das alle zusammen geschafft“, fasst es Andreas Marx treffend zusammen und er hat recht: So eine gemeinsame Ukraine-Mission schweißt zusammen. Aus Fremden sind Freunde geworden. Und sobald es die Situation zulässt, werden wir zu einem Gegenbesuch in die Ukraine aufbrechen. Wir haben gehört, dass dort sehr liebenswerte Menschen leben.

Auch interessant

Kommentare