Otto Reuß wird 100: Sein Geschäft war jahrzehntlang Hausens heimliches Zentrum

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Zeit für eine Inventur: Zum 100. Geburtstag holt Otto Reuß die alte Ladenkasse raus. In seinem Krämerladen leistete „Clary“, eines der ersten elektrischen Modelle, fast 30 Jahre lang gute Dienste.

Hausen. Der berühmte Dorfkrämer feiert seinen 100. Geburtstag: Wenn Otto Reuß am Sonntag, 24. August, ins Hausener Dorfgemeinschaftshaus einlädt, folgt selbst der Landrat. Es gibt viel zu erzählen. Reuß war Bäcker, Soldat und Dorfkrämer. Wir besuchten den Hausener in seinem Geburtshaus.

Steil ist die Straße zum Haus des alten Krämers. Hausen, sein Heimatdorf, soll die höchstgelegene Siedlung im Werra-Meißner-Kreis sein - sagen einige der 270 Einwohner. Handbremse anziehen und Auto abstellen in der Straße, in der Hausens bekanntester Händler vor 100 Jahren geboren wurde.

Auf dem Straßenschild vor Otto Reuß’ Wohnhaus steht „Zur Hausener Hute 1“. Was heißt das? „Hute! Wie hüten“, sagt Reuß. „Hier geht’s hoch zur Meißner Bergwiese.“ Viehzucht und Ackerbau gehören immer noch zu Hausen.

Seinen 100. Geburtstag feiert der Händler am 24. August. Und auch sein Heimatort feiert: Hausen wird dieser Tage 650 Jahre alt.

Otto Reuß erzählt vom Wandel seines Dorfs in einem Jahrhundert. Sein Krämerladen war mehr als 40 Jahre das heimliche Zentrum des Ortes. In die Ortskirche ging man zum gemeinsamen Beten. Aber zu Reuß ging man, um zu handeln, zu schnuddeln, Neuigkeiten auszutauschen.

„Bis in die späten 1980er-Jahre waren die Leute sehr an diesen Ort gebunden“, sagt Reuß. „Ich habe ein gutes Geschäft gemacht.“ Zucker und Mehl, Konserven und Milch, Haushaltswaren aller Art: Reuß handelte von 1949 bis 1992 in dem Haus „Zur Hute“, in dem er geboren wurde und noch heute lebt.

„Mann, was hast du vor? Du bist doch Bäcker!“, sagten seine Freunde, als der damals 35-Jährige im Jahr 1949 den Laden im Dorf eröffnete. Zuvor war der Schüler Reuß aus Hausen abgehauen. Er wollte in die Stadt - und schaffte es nach Heiligenrode bei Kassel.

„Maurer wollte ich nicht werden.“ Das wollten seine Eltern. Dann also Bäcker bei Kassel. Und dann, ab 1937, Infanterie in Armee. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Reuß in Frankreich und Nordafrika, holte sich Schusswunden in Hüfte, Hand und Bein. Es folgten fast zwei Jahre Kriegsgefangenschaft. „Aus dem französischen Gefängnis flüchtete ich bei Nacht und Nebel über Kuhweiden.“

Mit seiner Wiederkehr nach Hausen und der Geschäftsgründung änderte sich etwas im Ort. „Jetzt kamen keine fahrenden Händler mehr ins Dorf.“ Herr Reuß, haben Sie den Konkurrenten das Geschäft kaputt gemacht? „Na, der konnte doch mit seinem Wagen in Velmeden bleiben!“

Gegen Ende der 1980er-Jahre spürte Reuß selbst drückende Konkurrenz. „Damals begann es: Es gab immer weniger Dorfläden durch die zentralen Supermärkte. Die Leute hatten Autos, keiner war mehr gebunden.“

Das Fazit des Krämers zum 100. Geburtstag: „Das ist eine andere Welt geworden.“ Wie das? „Damals trafen sich die Frauen des Ortes in der Spinnstube und redeten. Und die Männer“ - Reuß haut auf den Tisch - „kloppten Skat“. Doch der alte Krämer bleibt gesellig. Und wohnt weiter mit Kindern, Schwiegersohn und Enkel in seinem Händlerhaus. In dem eine Rümpelkammer an alte Krämer-Zeiten erinnert.

Von Jan Schumann

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