HLG will auf Fläche Gerste aussäen

Protestcamp gegen Logistikgebiet soll bis Montag geräumt werden

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Soll geräumt werden: Dort, wo jetzt noch Zelte, Wohnwagen und Holzkonstruktionen das Protestcamp gegen das Sondergebiet Logistik bilden, will die HLG ab Montag den Boden umbrechen und Sommergerste säen. 

Neu-Eichenberg steht wohl eine turbulente Woche bevor: Die Hessische Landgesellschaft hat angekündigt, die Fläche für das Logistikgebiet einsäen zu wollen. Das Protestcamp soll geräumt werden.

Seit zwei Wochen haben junge Aktivisten den Acker in der Gemeinde Neu-Eichenberg besetzt, auf dem das geplante Sondergebiet Logistik entstehen könnte. Bislang wurde das Zeltlager geduldet, doch offenbar macht der Eigentümer der Fläche, die Hessische Landgesellschaft (HLG), nun ernst: Ein HLG-Vertreter informierte die Aktivisten am Freitag, dass sie das Lager abbauen sollten, weil ab Anfang der Woche auf der seit Herbst brachliegenden Fläche mit der Aussaat von Sommergerste begonnen werden soll. Die Aktivisten, unterstützt von der Bürgerinitiative „Für ein lebenswertes Neu-Eichenberg“, wollen nicht aufgeben, sondern bleiben.

Bereits vor zehn Tagen hatten sich Vertreter von Hessischer Landgesellschaft (HLG), Gemeinde und Polizei hinter verschlossenen Türen wegen des Protestcamps getroffen, wie Bürgermeister Jens Wilhelm der HNA damals knapp bestätigte. Am Freitag nun kündigte Peter Eschenbacher (HLG) den Aktivisten im Camp an, dass die HLG als Eigentümerin die Fläche für das geplante Logistikgebiet nun umbrechen und Sommergerste aussäen wolle. Das Gespräch wird von Beteiligten – unabhängig voneinander – als ruhig und sachlich beschrieben. 

So sehen die Betroffenen die Lage am Logistikgebiet in Neu-Eichenberg:

Die Aktivisten

 „Wir vermuten, dass der Grund, das Feld bestellen zu wollen, nur vorgeschoben ist, damit das Camp verschwindet“, sagt eine Ansprechpartnerin für die Presse im Protestcamp. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Es sei zu spät, um Sommergerste zu säen, sagt sie und verweist auf Saatempfehlungen der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Diese sehen einen Saatzeitraum zwischen 1. März und 1. April für Sommergerste auf Lössboden vor.

Die Aktivisten hätten sich entschieden, das Camp nicht bis Sonntagabend abzubauen, sagt die Sprecherin. Sie hätten sich vorgenommen, „ruhig, besonnen und fröhlich“ in die neue Woche zu gehen. Die geplanten Aktionen vom Wochenende hätten stattgefunden: Es gab zwei Konzerte, man habe Tomaten und Salat gepflanzt.

„Wir wollen bleiben, weil wir einen Dialog entwickeln wollen“, sagt die Sprecherin. Zum einen wolle man mit den Anwohnern eine Vision entwickeln, wie man in Neu-Eichenberg schön, aber auch wirtschaftlich leben könne, damit sich alle Zuhause fühlen können. Zum anderen wollten die zumeist jungen Aktivisten auf übergeordnete Ziele und Notwendigkeiten wie Klima-, Arten- und Bodenschutz aufmerksam machen.

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Die Bürgerinitiative

Auch die Mitglieder der Bürgerinitiative (BI) „Für ein lebenswertes Neu-Eichenberg“ kritisieren das Vorgehen der HLG scharf. „Wenn die HLG ernsthaft vorhat, auf den Flächen noch Nahrungsmittel zu produzieren, hätten Bodenbearbeitung und Saat im Herbst oder Frühjahr geschehen müssen“, schreibt BI-Sprecherin Britta Mallach in einer Mitteilung. Kurz nach der Besetzung eine Bestellung des Feldes anzukündigen, „scheint wie ein vorgeschobenes Argument, um das Camp räumen zu können.”

Zudem gehen BI und Aktivisten davon aus, dass auf der Fläche die vom Aussterben bedrohte Feldlerche brütet. Nester seien noch nicht gefunden worden, aber die Vögel kreisen laut singend über der Brache. Die BI zitiert den Biologen Jörg Braun-Lüllemann (Hohengandern): „Sollten aktuell auf der Fläche Feldlerchen oder andere Vogelarten brüten, dürfte die HLG nicht den Boden bearbeiten.“ Das wäre ein Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz. Die Brutzeit gehe bis Ende August. Laut der BI arbeite der BUND-Landesverband aktuell daran, einen Eilantrag gegen das Vorhaben der HLG einzureichen und den Sachverhalt genauer prüfen zu lassen. So lange sollte die HLG mit dem Umbrechen der Fläche warten.

Die Gemeinde

Da der Bürgermeister im Urlaub ist, hat Erster Beigeordneter Achim Albrecht-Vogelsang am Freitag HLG-Vertreter Eschenbacher auf dessen Wunsch zum Acker begleitet. Eine Gerstensaat habe auch ihn überrascht, sagt der Landwirt. Aber das ginge die Gemeinde nichts an. Die HLG wolle die Fläche bestellen, damit sie nicht ganz verwildere.

Er habe beim Ortstermin den Aktivisten das Beschlussverfahren erklärt und darum gebeten, dass eine mögliche Räumung friedlich ablaufen solle. „Wir müssen ja auch künftig miteinander leben“, so Albrecht-Vogelsang. „Eine Eskalation kann keine Seite wollen.“ Die HLG, so sagt er, wolle am Montag an der am weitesten vom Camp entfernten Ecke mit der Feldbearbeitung beginnen, damit die Aktivisten packen können.  

Da uns die Nachricht, dass die Aktivisten das Camp räumen sollen, erst Freitagabend erreichte, war die Hessische Landgesellschaft noch nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

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