Diebesgut sollte in Polen weiterverkauft werden

Reifen für mehr als 100.000 Euro gestohlen: Angeklagter leugnet Tat

Bandendiebstahl in zehn Fällen legt die Staatsanwaltschaft Kassel einem 40 Jahre alten Polen zur Last, der sich jetzt vor dem Amtsgericht Kassel zu verantworten hat.

Nachdem er in Kassel festgenommen worden war, sitzt er seit Ende Oktober in Untersuchungshaft.

Von Juli 2013 bis Oktober 2014 soll der Angeklagte in zehn Fällen in Autohäusern in Fritzlar, Kassel, Melsungen, Fuldatal und Witzenhausen Reifen-Komplettsätze im Gesamtwert von mehr als 100.000 Euro entwendet haben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll er mit anderen – bisher nicht ermittelten – Tatbeteiligten zusammen gehandelt und die Räder zum gewinnbringenden Weiterverkauf nach Polen transportiert haben. In den meisten Fällen wurden die Räder von Autos abmontiert, die auf dem Freigelände der Autohäuser standen. Auf dem Gelände eines Autohauses in Melsungen wurden am 1. August 2014 allein 44 Kompletträder im Wert von über 22.000 Euro abmontiert. In zwei weiteren Fällen wurden 24 Räder gestohlen. „Ich habe damit nichts zu tun.” Mehrfach stritt der Angeklagte alle Straftaten ab. Er werde alle Fragen des Gerichts beantworten: „Ich möchte gern aufklären.”

Dass der 40-Jährige mindestens für eine Straftat verantwortlich ist, ergab sich am Ende des ersten, achteinhalb Stunden dauernden Prozesstages: Anfang September fotografierte ein Bundespolizist am deutsch-polnischen Grenzübergang Küstrin-Kitz im Auto des Mannes zwölf Räder, die am Abend zuvor in Melsungen gestohlen worden waren. Der Polizist erkannte den Beschuldigten vor Gericht wieder.

Zwei Sachverständige schilderten, dass auf einer Metallstange und zwei Handschuhen – an den Tatorten sichergestellt – DNA-Spuren gefunden wurden, die „zu 99,999 Prozent” dem Angeklagten zugeordnet werden könnten.

Der 40-Jährige gibt an, Wirtschaftsmagister zu sein. Er studiere an der Uni Stettin, schreibe seit 2012 an seiner Doktor-Arbeit. Das Studium zahle der polnische Staat. Er habe in Polen in der Landwirtschaft gearbeitet, einen Holzbetrieb mit zehn Angestellten geleitet, Bauholz nach Holland geliefert und den Betrieb dann „bankrott gemeldet”. Für die Tatzeit von drei Reifen-Diebstählen legte der Angeklagte Kopien von Bescheinigungen und Rechnungen vor: Einmal habe er an der Prüfung für die Doktorarbeit teilgenommen, einmal mit einem Maurer das Grab seiner verstorbenen Tochter mit Granit gestaltet und einmal weiße Rosen für das Grab gekauft. Einen „tragischen Vorfall” beschreibt er so: „Zehn Monate kämpften wir um das Leben meiner einzigen Tochter. Sie starb im Alter von 13 Monaten. Da zerbrach die Ordnung meiner Welt.”

Der Mann, der sich „sehr oft bei Verwandten in Nordhessen” aufgehalten hat, gab zu, als Alfa-Romeo-Fan alle Autohäuser, in denen die Straftaten behangen wurden, besucht zu haben. Die Diebstähle aber habe er nicht verübt.

Von Manfred Schaake

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