Republik, Hitler-Putsch, Pogrom, Mauerfall: Dr. Jakob Eisler über den 9. November

1918: Der aus Kassel stammende SPD-Politiker Philipp Scheidemann ruft am 9. November 1918 von einem Balkon des Reichstags in Berlin die erste deutsche Republik – und somit das Ende der Monarchie – aus.

Bad Sooden-Allendorf. Viele folgenreiche Ereignisse der deutschen Geschichte sind an einem 9. November geschehen. Wir haben mit dem Historiker Dr. Jakob Eisler über die Erinnerung an dieses Datum gesprochen.

Der 9. November gilt als „Schicksalstag der Deutschen". An welchen 9. November denken Sie spontan, wenn Sie das Datum hören? 

1938: In der sogenannten Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 verwüsteten SA- und SS-Einheiten jüdische Geschäfte und steckten Synagogen, wie hier in Korbach, in Brand.

Dr. Jakob Eisler: Ich persönlich denke zuerst an die Pogromnacht am 9. November 1938. Ich stamme aus einer jüdischen Familie und wurde schon als Kind geprägt durch die Erzählungen meiner Eltern und Großeltern. Aber natürlich hat auch der 9. November 1989 eine große Bedeutung für mich: Den habe ich ja selbst miterlebt. Ich war damals sehr aufgewühlt und aufgeregt.

Wo haben Sie vom Fall der Mauer erfahren? 

1989: SED-Funktionär Günter Schabowski gibt am 9. November die Öffnung der DDR-Grenzen bekannt. Stunden später tanzen Tausende auf der Berliner Mauer, wie hier am Brandenburger Tor.

Eisler: Ich lebte damals in Israel, war aber drei Wochen zuvor noch bei Freunden im geteilten Berlin gewesen. Beim Besuch des Reichstagsgebäudes sagte man uns damals, dass es zwar Veränderungen gebe, es aber wohl noch lange dauern würde, bis sich in Berlin grundlegend etwas ändern würde. Als ich dann in den israelischen Nachrichten von der Rede Schabowskis und dem Mauerfall hörte, konnte ich das erst gar nicht glauben. Trotz aller Ereignisse des Jahres 1989 hätte ich nie gedacht, dass das so schnell gehen würde. Meine Berliner Freunde haben mir am 10. November mit dem Hammer ein kleines Stück aus der Mauer geklopft - das habe ich heute noch.

Warum sind auch die anderen 9. November für uns alle heute noch von Bedeutung? 

Eisler: Ich weiß nicht, ob man es sich ohne den 9. November 1938 vorstellen könnte, dass ein Staat innerhalb eines Tages die jahrhundertealte religiöse Existenzgrundlage einer Bevölkerungsgruppe im eigenen Land vernichten kann. Heute leben wir in einer sehr pluralistischen Gesellschaft - Protestanten, Katholiken, Juden und Muslime nebeneinander. Wenn heute so etwas wie 1938 geschehen würde, würde es jeden irgendwie betreffen. Wenn man es so erklärt, können sich das auch Schüler vorstellen.

1918: Der aus Kassel stammende SPD-Politiker Philipp Scheidemann ruft am 9. November 1918 von einem Balkon des Reichstags in Berlin die erste deutsche Republik – und somit das Ende der Monarchie – aus.

Die anderen 9. November (1918 und 1923) sind viel schwerer zu vermitteln. Das geht eigentlich nur, wenn man am Ort des Geschehens die Geschichte hört. Deshalb hat das Museum am Schifflersgrund so eine große Bedeutung: Hier gibt es keine Rekonstruktion der Grenzanlage, sondern die Besucher können diesen 1,5 Kilometer langen Original-Zaun sehen und spüren. So kann man das Ereignis besser nachvollziehen, auch wenn man es nicht miterlebt hat. Den Putsch von 1923 kann man dagegen nur sehr schwer an einem Ort darstellen - da haben wir es hier leichter.

Der 9. November 1989 ist für die Deutschen ein Tag der Freude. Besteht nicht die Gefahr, dass dadurch die tragischen Ereignisse der anderen 9. November in den Hintergrund treten? 

1923: NSDAP-Vorsitzender Adolf Hitler plant mit SA-Truppen die Machtübernahme am 9. November in München (Bild) sowie einen Marsch auf Berlin. Der Putschversuch scheitert, Hitler wird inhaftiert.

Eisler: Die Bundesrepublik Deutschland geht sehr verantwortungsbewusst mit diesen beiden Daten um. Natürlich könnte die Freude über 1989 das Grauen von 1938 überlagern, aber es gibt so viele Veranstaltungen, die der Pogromnacht gedenken. Nicht nur in Deutschland, auch in den angrenzenden europäischen Ländern sollte man sich erinnern - aber das tut man auch.

Sie treffen im Grenzmuseum oft auf Schüler, die keines dieser Ereignisse selbst miterlebt haben. Was bedeutet der 9. November für sie? 

Eisler: Man kann Schüler auf jeden Fall dafür interessieren. Sie haben zwar den Mauerfall nicht erlebt und verbinden nicht viel mit dem Datum, aber durch den Geschichtsunterricht und den Besuch hier im Museum lernen sie eine Menge darüber.

Früher musste man im Geschichtsunterricht häufig nur Jahreszahlen lernen. Heute stellt die Didaktik Entwicklungen und Zusammenhänge in den Mittelpunkt. Hat sich das Erinnern an einzelne Tage wie den 9. November überholt? 

Jakob Eisler

Eisler: Es ist wichtig, dass man den Tag kennt und das Ereignis in eine Zeitlinie ordnen kann, um so ein Gesamtbild der Zeit zu erhalten. Ob man das Ereignis dabei eine Woche früher oder später ansetzt, ist dabei nicht so entscheidend. Wenn die Schüler die Ereignisse von 1989 kennen und wissen, warum Menschen aus der DDR in die Botschaft nach Prag oder über Ungarn in den Westen geflüchtet sind und dass durch diesen Druck dann im Herbst die Mauer gefallen ist, dann ist das doch schon ziemlich gut.

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