Wie ein Schlösschen

100 Dinge, die wir in der Region mögen (62): Das Mausoleum in Fürstenhagen

Blick in den Seitengang: Die letzte Sanierung ist Jahre her.

Kassel/Hessisch Lichtenau. Vielen Autofahrern, die auf der B 7 zwischen Kassel und Eschwege unterwegs sind, ist es schon ins Auge gefallen: Das Mausoleum der Brüder Lenoir liegt an einem Teich und erinnert aus der Ferne an ein Schlösschen. Die wenigsten halten an, um sich das Mausoleum aus der Nähe anzuschauen.

Und noch weniger wissen, dass die Grabstätte, die im Hessisch Lichtenauer Ortsteil Fürstenhagen liegt, im Eigentum der Stadt Kassel ist. Es ist der Rest der Besitztümer, die die Lenoirs der Stadt als Stiftung übertragen hatten. Mit einem Wert von 2,5 Millionen Euro ist sie dennoch nach wie vor die größte Stiftung.

Erbaut wurde das Mausoleum 1903 von dem aus Kassel stammenden Hugenottennachfahren George André Lenoir (1825-1909). Der Physiker und Chemiker brachte es – anders als sein Bruder Conrad Lenoir – zu einem Millionenvermögen. Er vermachte dieses nach und nach der Stadt Kassel, damit diese es in einer Stiftung für Waisenkinder einsetzen sollte: Die Lenoir-Stiftung war geboren. 1892 gab Lenoir mit 6,5 Millionen Goldmark die größte Spende, die bis dahin für wohltätige Zwecke gemacht wurde.

Weil der Hugenotten-Nachkomme in Kassel kein ausreichend großes Grundstück für seine geplanten Waisenhäuser fand, stieß er 1901 auf das Areal in Fürstenhagen. „Dies passierte eher zufällig. Lenoir hatte erfahren, dass der Ritter von Eschwege pleite war und sein Anwesen verkaufen wollte“, erzählt Klaus-Dieter Welker, der das Mausoleum heute pflegt. Welker (56) war selbst Waisenkind in Fürstenhagen.

Zum Areal der Stiftung gehörte ursprünglich auch das Gut Teichhof mit Mühlen und einer Bäckerei. Der landwirtschaftliche Betrieb mit 140 Hektar versorgte die 200 Kinder in den drei imposanten Waisenhäusern, die 1909 eingeweiht wurden. Noch kurz vor seinem Tod kam Lenoir, der inzwischen in Meran (Südtirol) lebte, nach Nordhessen, um sein Werk zu begutachten.

Nach Lenoirs Tod – er wurde mit seinen Eltern und dem Bruder im Mausoleum beigesetzt – fielen weitere Besitztümer der Stiftung zu und waren damit in die Obhut von Kassel: ein Hotel, Marmorsteinbrüche und Ländereien in Meran und das Heilbad Sliacˇ in der heutigen Slowakei.

Im 20. Jahrhundert, durch Inflation und Kriege befördert, bröckelte das Erbe der Lenoirs. Übrig blieb nur das Anwesen in Fürstenhagen. 1969 musste die Stadt Kassel auch den Teichhof wegen Verlusten verkaufen. Und nachdem das Kinderheim in den 1980er-Jahren geschlossen worden war, gingen auch die Waisenhäuser 1992 an das Land Hessen, damit dort Aussiedler untergebracht werden konnten. Inzwischen gehört die Immobilie einem Privateigentümer aus Kassel, der einen Mieter sucht.

In den Händen der Stadt blieb nur das Mausoleum samt 4,5 Hektar Land drumherum. Das Mausoleum ist sanierungsbedürftig: Risse überziehen den Boden, die Ädikula (Grabmal) ist beschädigt.

• Wer das Mausoleum besichtigen möchte, kann sich an Klaus-Dieter Welker wenden. Tel.: 0 56 02 / 9 18 89 76. Die Tore sind aber meist geöffnet.

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