„Man braucht jetzt doppelt so lange wie vorher“

So arbeiten Pfarrer in der Corona-Krise

Stadtkirche Großalmerode
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In der Stadtkirche Großalmerode gibt es momentan keine Zusammenkünfte der Gläubigen.

Kein Gottesdienst, keine Taufe, keine Trauung, keine Konfirmation – und Beerdigungen nur im engsten Kreis. Wie arbeiten eigentlich die Pfarrer jetzt? Wir haben uns umgehört.

Seinen Frühjahrsputz macht er nicht, sagt Pfarrer István Kovács sofort, denn „Ordnung und sauber machen hasse ich“. Wie schon vor Corona würde der katholische Pfarrer weiter seine Stundengebete halten und weiter für die Gemeinden Hessisch Lichtenau, Großalmerode und Waldkappel den Gottesdienst feiern, nur eben allein. „Die Predigt nehme ich auf und schicke sie per WhatsApp an die Gemeindemitglieder.“ In seine Predigt baut der sprachgewandte Pfarrer immer ein paar Sätze auf Ungarisch, Latein, Deutsch, Rumänisch oder Italienisch ein.

Die Gottesdienstzeiten gibt er nicht mehr kund, da außer ihm ja nur eine Person teilnehmen dürfe. Dafür verkünde er das öffentliche Glockenläuten. Beerdigungen würde Kovács theoretisch noch abhalten, dann aber nur mit der Verwandtschaft. „Praktisch ist aber seit einem Monat niemand mehr gestorben“, sagt Kovács, der sonst um die acht Beerdigungen im Monat hat.

Krankenbesuche macht der Pfarrer nur noch, wenn es um Todesgefahr geht. Telefonisch sei er aber für alle erreichbar und vieles erledige er auch per E-Mail. Ansonsten macht István Kovács gern Sport. „Ich finde schon eine Beschäftigung – das bedeutet allerdings nicht, dass es Freizeit ist“, sagt er und gibt am Ende des Telefonats doch noch zu, dass er seit dem Morgen am Putzen ist. „Nicht alles zählt zum Hobby.“

Quantitativ habe er weniger zu tun, qualitativ jedoch nicht, sagt Jörn Jakob Klinge, evangelischer Pfarrer in Großalmerode. „Man braucht für alle Dinge jetzt doppelt so lange wie vorher.“

Besonders macht Klinge Sorge, dass Angehörige aktuell nicht mehr wie sonst Abschied von einem Verstorbenen nehmen können. Zwar treffe er sich nach wie vor noch unter sechs bis acht Augen bei der Familie, um alles zu besprechen. Allerdings gebe es bei der Beerdigung selbst beispielsweise keine Orgelmusik mehr. Die Angehörigen würden direkt vor die Halle geführt und unmittelbar mit Sarg oder Urne konfrontiert und hätten somit keine Möglichkeit, in Ruhe anzukommen. Zwar würde er die Rituale weiterhin einhalten, aber die Unterbrechungen durch die Orgelmusik fehlten, wodurch das Ritual nicht mehr so verständlich gemacht werde. „Das macht den Abschied schwierig“, sagt Klinge, der versucht, den Ablauf beispielsweise in Form von einer Schweigeminute abzufedern.

Der Geistliche spricht von einem unbestimmten Schuldgefühl und der Ohnmacht, nichts an der Situation ändern zu können, da der Kontakt zu den Menschen fehle. Das spüre aktuell jeder, der in einem sozialen Beruf tätig sei. „Uns ist die Struktur weggebrochen, das macht das Arbeiten krampfhaft“, sagt Klinge. Auch für ihn sei es eine „schwer gefüllte Zeit“. Derzeit ergänze er die Gemeindechronik und sehe die Kirchenvorstandsprotokolle durch. In seiner Freizeit widme er sich weiter seinem großen Steckenpferd: dem 30-jährigen Krieg.

Er sei „kein großer Telefonist“, schon gar nicht in der Seelsorge, und nutze das Telefon sonst nur, um sich zu verabreden – zumal dabei laut Klinge die nonverbale Reaktion des Gegenübers verloren gehe. Nun habe er aber die regelmäßigen Gespräche, die er mit neun Gemeindegliedern führe, auf das Telefon verlegen müssen.

Werde er zu einem Kranken gerufen, entziehe er sich dem nicht, allerdings lasse er jegliche Berührung weg und zeichne auch kein Kreuz auf die Stirn eines Verstorbenen. Auch Menschen, die zu ihm an die Haustür kämen, würde er nicht wegschicken. Klinge: „Ich habe einen Tisch mit 1,6 Meter Durchmesser, da ist der Abstand gewahrt.“ Nach dem Besuch desinfiziere er Tisch und Türklinken. 

Quelle: HNA

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