24-Jährige muss ins Gefängnis - Richter: Schwer hier minderschweren Fall zu sehen

Überfall bei Tante Emma

Kassel / Witzenhausen. Am Ende redete sich Richter Jürgen Stanoschek doch noch in Rage. „Das ist Mist!“, schimpfte der Strafkammervorsitzende. „Versuchen Sie, da herauszukommen – vor allem für Ihr Kind!“

Die junge Frau auf der Anklagebank schien angesichts der wuchtigen Worte immer kleiner zu werden. Im Juli 2012 hatte sie den Edeka-Markt in Hundelshausen überfallen. Am Donnerstag wurde sie deshalb vom Kasseler Landgericht zu drei Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt.

„Ich bin auf dem Weg der Besserung“, hatte die 24-Jährige in ihrem Schlusswort beteuert, „und ich kann nur hoffen und beten, dass es nicht allzu schlimm ausgehen wird heute.“ Und dafür, dass sie an jenem Sommermorgen der Inhaberin des kleinen Tante-Emma-Ladens gleich zweimal Pfefferspray ins Gesichts gesprüht hatte, kam sie tatsächlich glimpflich davon: Eigentlich liegt die Mindeststrafe für einen Raub mit Waffeneinsatz bei fünf Jahren.

„Man muss sich schon Mühe geben, hier einen minderschweren Fall zu sehen“, grollte Richter Stanoschek. Mithin: eine Möglichkeit, beim Strafmaß nach unten abzuweichen. Immerhin war die mehrfach vorbestrafte Frau erst zehn Monate vor der Tat aus der Jugendhaft entlassen worden – auf Bewährung.

Doch das Gericht hielt ihr unter anderem zugute, dass der Raub eine Spontantat gewesen sei. Denn geplant habe die Frau eher so etwas wie einen Trickdiebstahl. Sie hatte einige Cent-Artikel aufs Band gelegt – und beim Bezahlen dann in die geöffnete Kassenlade gegriffen. Nur weil die geistesgegenwärtige Ladeninhaberin die Kasse sofort wieder schloss und die Hand der Diebin einklemmte, hatte die Angeklagte zum Pfefferspray gegriffen.

Was die 24-Jährige vor Gericht weitgehend gestand – anders als zwei weitere Taten nach ähnlichem Strickmuster in Hessisch Lichtenau, die jedoch ohne Sprühattacke abgelaufen waren. Das, hatte die Frau erklärt, sei sie nicht gewesen. Weil die beiden Diebstähle beim Strafmaß ohnehin nicht nennenswert ins Gewicht gefallen wären, stellte das Gericht diese Anklagepunkte ein. In das Urteil floss jedoch eine Urkundenfälschung ein, die die 24-Jährige ebenfalls eingeräumt hatte: Nach dem Überfall in Hundelshausen hatte sie sich zunächst ins Ausland abgesetzt, war aber ein Jahr später unter falschem Namen zurückgekehrt – mit einem tschechischen Personalausweis, den sie sich mit Scanner und Laminiergerät selbst gebastelt hatte.

Keine professionelle Fälschung. Aber gut genug, um vom Einwohnermeldeamt der Stadt Weilburg zunächst nicht bemerkt zu werden. Wenig später jedoch wurde die junge Frau festgenommen. Seitdem sitzt sie in Untersuchungshaft. Und nicht nur sie allein: Mit ihr eingesperrt ist ihr Baby. Erst vor wenigen Monaten hat sie es bekommen – hinter Gittern.

Von Joachim F. Tornau

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa/dpaweb

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