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Witzenhäuser Peter-Paul Klinger will Erinnerungen an Holocaust nicht verblassen lassen

Peter-Paul Klinger (83) aus Witzenhausen sitzt im Garten.
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Peter-Paul Klinger (83) aus Witzenhausen wurde während des Zweiten Weltkrieges in Ungarn verfolgt.

Peter-Paul Klinger aus Witzenhausen hat den Holocaust in Ungarn überlebt. Damit die Verfolgung der Menschen im Zweiten Weltkrieg nicht vergessen wird, engagierte er sich viele Jahre in Vereinen.

Witzenhausen – „Man kann sich nicht vorstellen, was in den Lagern damals passiert ist“, sagt der 83-Jährige. Er war selbst nie dort und kennt die Geschichten nur aus Erzählungen anderer Überlebender. Doch obwohl es nach dem Zweiten Weltkrieg weitere Kriege und Gräueltaten auf der Welt gab, haben die Taten der Nationalsozialisten bis heute ihren Schrecken nicht verloren, so Klinger.

Eine Erklärung, wie es in Deutschland so weit kommen konnte, hat Klinger bis heute nicht. „Auf einmal ist alles umgekippt.“ Bis 1935 hätten Juden ein normales Leben geführt, hätten Kontakt zu anderen Menschen gehabt. Dann sei da plötzlich eine unsichtbare Mauer gewesen. Wie in Witzenhausen, wo 40 jüdische Großfamilien lebten – heute ist Klinger der einzige Jude dort.

Die Ablehnung von Juden sei immer noch da. Witzenhausen sei zwar sehr liberal geworden, doch Klinger würde in der Öffentlichkeit keine Kippa tragen. Dafür sei die Angst zu groß. „Ich kann den Leuten ja nur vor den Kopf gucken“, sagt er. Momentan wachse der Antisemitismus wieder in Deutschland. Besonders deshalb sei die Arbeit des Vereins Zweitzeugen sehr wichtig, so Klinger. Zudem gebe es irgendwann keine Überlebenden mehr, die ihre Geschichten erzählen könnten.

Als er in Ungarn aufwuchs, kannte er kaum jüdisches Leben, berichtet Klinger. Seine Familie habe sich schon vor Kriegsbeginn nicht mehr als Juden begriffen. Erst nach dem Krieg lernte er, was es heißt, jüdisch zu sein.

Doch wie kommt er mit dem Erlebten zurecht? Zu seinem Schutz gaben ihn seine Eltern mit falscher Identität in die Obhut ihrer Köchin. Sie reisten viel umher und versteckten sich in Kellern. Klinger war damals sechs Jahre alt. Wäre er in ein Lager gekommen, wäre er vermutlich sofort getötet worden. Denn junge Kinder hätten nicht arbeiten können. „Es war, als wären sie unnützes Leben. Unnütze Esser“, sagt er.

Viele Erlebnisse, die ihm andere Überlebende erzählt hätten, seien weitaus schlimmer als seine gewesen. Er arbeitete das Erlebte in einer Psychotherapie auf. „Ich hatte lange Zeit das Gefühl, mir sei nichts schlimmes passiert“, sagt er. Als man ihm während der Therapie sagte, er sei traumatisiert, konnte er es nicht glauben. Denn Klinger hatte kaum Erinnerungen an die Erlebnisse in Ungarn. Während der Therapie kamen sie langsam zum Vorschein. „Diese Wand zu durchbrechen, ist aber schwierig.“ Wie er mit dem Erlebten zurechtkommt, kann er nicht beantworten.

Viele Betroffene hätten bis heute keine therapeutische Hilfe in Anspruch genommen. Vielleicht half der Austausch mit anderen. Der 83-Jährige engagierte sich lange Zeit in dem Verein Childsurvivors Deutschland, der therapeutische Unterstützung für Überlebende bot, sich für die Pflege der jüdischen Kultur und Gemeinschaft einsetzt und Bücher über den Holocaust veröffentlicht hat. Der Verein löste sich mangels junger Mitglieder in diesem Jahr auf.

Klinger setzte sich auch für das Verlegen von Stolpersteinen in Witzenhausen ein. Diese sollen an die jüdischen Opfer aus Witzenhausen erinnern. Bis heute seien jedoch keine verlegt worden. Laut Klinger ist die Erlaubnis von Bürgermeister Herz da. „Wir bräuchten aber einen jungen Menschen, der sich darum kümmert“, sagt er. „Damit die Geschehnisse von damals nicht vergessen werden.“ Klinger spricht auch mit dem Verein Zweitzeugen über seine Lebensgeschichte. Warum Zweitzeugen? Dieser setzt sich dafür ein, dass die Folgen des Zweiten Weltkrieges nicht vergessen werden. Der Verein spricht mit Überlebenden des Holocausts und erzählt ihre Geschichten weiter. Somit werden sie zu sogenannten Zweitzeugen.

Kontakt: Wer sich für das Verlegen der Stolpersteine einsetzen will, kann sich bei Peter-Paul Klinger unter Tel. 0 55 42/50 76 16 melden. Zudem würde der 83-Jährige seine Geschichte auch gern in Schulen erzählen.

Mit Jugendlichen über Folgen des Krieges sprechen

Der Verein Zweitzeugen möchte auf die Folgen des Holocausts aufmerksam machen. Was mit den Überlebenden passiert ist und wie es ihnen heute geht, sind die zentralen Fragen bei Veranstaltungen des Vereins.

In Ausstellungen und Workshops in Schulen werden die Geschichten der Überlebenden erzählt. „Damals gab es kaum psychologische Betreuung“, sagt Vanessa Eisenhardt, ehrenamtliche Mitarbeiterin im Verein. Zudem seien die Psychologen nicht auf die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges vorbereitet gewesen. „Die Menschen wurden teilweise alleine gelassen.“ Deshalb erzählen die Mitglieder des Vereins bei ihren Workshops nicht nur von den Erlebnissen der Überlebenden während des Krieges. „Wie es ihnen danach ergangen ist und wie sie wieder ins Leben zurückgefunden haben, interessiert auch viele“, sagt Eisenhardt.

Dem Verein sei es wichtig, nicht nur Fakten chronologisch darzustellen. Die Zuhörer sollen einen Eindruck davon bekommen, wie das Leben der Menschen im Krieg aussah, so Eisenhardt.

So werden bei den Workshops Einblicke in den Alltag der Überlebenden gegeben. Aber auch die Gesetze, die von 1933 bis 1945 gültig waren und das Leben der Juden in Deutschland einschränkten, werden besprochen. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Rassenideologie. Dann wird eine Überlebensgeschichte erzählt, sagt Eisenhardt. „Meistens ist es mucksmäuschenstill.“

Die Interviews mit den Überlebenden haben Vereinsmitglieder vorab geführt. „So werden die Interviewer zu Zweitzeugen und tragen die Geschichten weiter.“ Bei der Auswahl der Geschichten werde das Alter der Teilnehmer bedacht. Jugendlichen erzählt Eisenhardt oft diese Liebesgeschichte: Ein junges Mädchen verliebte sich in einen Jungen. Sie trafen sich heimlich, bis der Deportationsbescheid kam. Sie versteckten sich getrennt voneinander und tauschten Tagebücher aus. Irgendwann kam das Buch des Jungen nicht mehr an. Vermutlich wurde er in Auschwitz getötet, so Eisenhardt.

Nach dem Workshop haben die Schüler die Möglichkeit, Briefe mit Gedanken und Wünschen an die Überlebenden zu schicken. Einige würden über ihre eigene Fluchtgeschichte schreiben. „Wenn ich aus dem Klassenzimmer gehe, hoffe ich, dass ich etwas bewirkt habe“, sagt Eisenhardt.

Der Verein ging aus einem Studienprojekt hervor und wurde 2014 als gemeinnütziger Verein eingetragen. Angefangen hat er mit Ausstellungen, bei denen es um Überlebende des Holocausts ging. Der Verein hat heute laut Eisenhardt etwa 140 ehrenamtliche Helfer. Seit 2016 gibt es auch hauptamtliche Stellen. Der Vereinssitz ist in Bünde (Nordrhein-Westfalen). (ter)

Infos: Mehr Infos gibt es im Internet unter zweitzeugen.de

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