Historikerin forscht zu Jugendburg-Gründer Enno Narten

Enno Narten (1889 - 1973)

Witzenhausen. Ohne Enno Narten gäbe es die Jugendburg Ludwigstein in ihrer heutigen Form nicht. Grund genug, auf das Leben des Mannes zu blicken, der 1920 die „Vereinigung zum Erwerb und Erhalt der Burg Ludwigstein“ gründete.

Die zu Enno Narten an der Universität Kassel forschende Wissenschaftlerin Stefanie Wilke verknüpfte dabei in ihrem Vortrag „ Der Ludwigstein und Enno Narten. Eine Geschichte romantisierter Ereignisse“ Entwicklungslinien aus unterschiedlichen Lebensphasen Nartens bis in die 1960er-Jahre. Zwar konnte die Historikerin in ihrem kurzen Zeitfenster nur wenige Aspekte des komplexen Themas anreißen, diese reichten aber für ein vorläufiges Fazit aus.

Der Ludwigstein als Jugendburg ist ohne das Engagement Enno Nartens nicht denkbar und auch in die allgemeine Jugendarbeit des Landkreises Witzenhausen hat er sich in den Anfangsjahren der Weimarer Republik als erster „Kreisjugendpfleger“ engagiert eingebracht, betonte Wilke. Gleichwohl war der Wandervogel Narten aber auch 1933 an der Übergabe der Burg an die Hitlerjugend beteiligt und hat sich zudem später öffentlich deutlich im Sinne und in der Diktion des NS-Regimes geäußert. Nach 1945 gehörte er zu den ersten führenden Aktiven des Neuanfangs. Das sei allerdings kein echter Neustart gewesen, erläuterte Wilke. „Vielmehr ist die alte Garde reaktiviert worden. Die personelle Kontinuität aus der Weimarer Zeit ist auffallend.“

Wilke kommt nach intensiver Forschungsarbeit zu dem Schluss, dass in Nartens Biografie der „rote Faden“ fehlt. Dies zeige sich nach 1945 unter anderem darin, dass Narten einerseits in den 1950er Jahren Front gegen den rechtslastigen Burgwart Walter Jantzen machte, andererseits aber Beziehungen zum völkischen Schriftsteller Hans Grimm pflegte, vom dem er sich eine Ausgabe dessen Bestsellers „Volk ohne Raum“ erbat.

Für Narten gelte ebenso wie für viele damalige Mitglieder der „Vereinigung Jugendburg Ludwigstein“, dass sie bis auf wenige kritische Töne mit den eigenen Verstrickungen in den Nationalsozialismus oder denen der anderen nicht auseinandersetzten und stattdessen die Überlieferung des eigenen Lebenswerks in den Fokus rückten. Unbeantwortet blieb am Schluss die nach der anschließenden Diskussion aufgeworfene Frage, warum denn vor diesem Hintergrund der 2012 fertiggestellte großzügige Erweiterungsbau der Burg den Namen Enno Nartens trägt.

Bei der diesjährigen Archivtagung beschäftigten sich knapp 100 Teilnehmer mit der Aufarbeitung des Verhältnisses von Jugendbewegung, Nationalsozialismus und Geschichtsschreibung. (ymr)

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