Reportage von der Demonstration

Protest wegen Abschiebung in Witzenhausen: „Einfach so geprügelt“

Witzenhausen. Ein Bündnis hatte am Montag zu einer Kundgebung gegen die Abschiebung des Syrers Bangin H. und gegen Polizeigewalt aufgerufen. Über 100 Menschen versammelten sich auf dem Marktplatz. 

Als Bangin H. ins Mikrofon spricht, klingt er erschöpft. Die lange Nacht und der Stress sind ihm anzusehen. Er lächelt müde. In wenigen Sätzen dankt er denen, die sich um ihn versammelt haben – dafür, dass sie gekommen sind und in der Nacht zu Montag da waren, als er von der Polizei aus seiner Wohngemeinschaft in der Ermschwerder Straße geholt wurde, um abgeschoben zu werden.

Demo auf Marktplatz in Witzenhausen

Über 100 Menschen haben sich auf dem Witzenhäuser Marktplatz versammelt. Kurzfristig hatte das Bündnis gegen Abschiebung Witzenhausen für 14 Uhr zu einer Demonstration aufgerufen. Viele von ihnen sind Freunde von Bangin H. In den Bäumen vor dem Rathaus haben sie Transparente befestigt. „Polizei Witzenhausen – knüppeln, würgen, illegal abschieben“ steht auf einem von ihnen.

Von den Menschen, die in der vergangenen Nacht in der Ermschwerder Straße waren, sind einige gekommen. Sie sind in einem Verteiler registriert, über den sie dann per SMS informiert werden, wenn eine Abschiebung aus Witzenhausen kurzfristig bekannt wird. So auch im Fall von Bangin H.: Über seine Mitbewohner erfuhr die Gruppe von den Polizisten in seiner Wohnung. Unabhängig voneinander erzählen die Zeugen der vorigen Nacht dieselbe Geschichte. Einer von ihnen trägt eine Armschlinge, rund um sein Schlüsselbein leuchten rote Blutergüsse. Er sagt, dass mehrere Polizisten ohne Vorwarnung mit Schlagstöcken auf sie eingeschlagen hätten.

Wurde vom Zuschauer zu einem Mittelpunkt des Geschehens: Bürgermeister Daniel Herz mit Demonstranten.

Das bestätigt auch eine junge Frau. Sie berichtet von über 50 Menschen, die sich ab 1.12 Uhr vor dem Haus von Bangin H. versammelt hätten. Rund um die Polizeistreife, in der Bangin H. später nach Eschwege gebracht wurde, hätten sie eine Menschenkette gebildet, um das Auto zu blockieren. Entgegen der Angaben der Polizei sei von den Protestierenden dabei keine Gewalt ausgegangen – und schon gar kein Stein geworfen worden. Nachdem sie aber der Aufforderung der Polizei, sich von dem Wagen zu entfernen, nicht nachgekommen seien, sei eine Front von Polizisten auf sie zugekommen, habe „einfach so geprügelt“ – auch auf die, die bereits auf dem Boden gelegen hätten. 

Immer weiter seien sie in Richtung Auto gedrängt worden, während einigen von ihnen Pfefferspray ins Gesicht gesprüht worden sei. Ein Polizist sei mit einem aggressiven Hund auf sie losgegangen. Ein junger Mann mit rot unterlaufenen, aufgequollenen Augen sagt, dass einige der verletzten Protestierenden regungslos auf der Straße gelegen hätten.

Gewalt der Polizei sei unverhältnismäßig gewesen

Bei den Protesten dabei war auch Dr. Gualter Baptista. Auf seinem Handy sind Videos aus der vergangenen Nacht gespeichert. Darin zu hören sind Trillerpfeifen und hektisches Stimmengewirr. Er sei um 1.25 Uhr in der Ermschwerder Straße angekommen. Zu diesem Zeitpunkt habe Bangin H. bereits im Auto gesessen. Baptista beschreibt den nächtlichen Protest als „passive Blockade“ – die Gewalt der Polizei sei unverhältnismäßig gewesen.

Mit der Demonstration wolle man auch auf die Härte nächtlicher Abschiebungen hinweisen, sagt Fin Kuhl, der die Spontan-Kundgebung bei der Stadt angemeldet hat. Abschiebungen seien eine Kehrseite der Politik, auch die Polizei führe sie nicht gern aus, sagt Kuhl. Nachts solle niemand das Elend mitkriegen. Im Fall von Bangin H. ist das anders: Der Protest ist laut, auch am sonnigen Nachmittag.

Als Witzenhausens Bürgermeister Daniel Herz auf Aufforderung der Demonstranten versucht, die Ereignisse zu kommentieren, hat er immer wieder mit Zwischenrufen zu kämpfen. Was geschehen sei, könne er nicht bewerten – schließlich sei er nicht dabei gewesen. „Ich schon“, ruft eine Frau aus der Menge. Als sich ein junger Mann das Mikro greift und die nächtliche Abschiebung der Polizei kritisiert, antwortet Herz, er werde sich darum kümmern. Kurz darauf ist er verschwunden. Viele Demonstranten bleiben. Sie wollen Bangin H. feiern.

Von Maximilian Beer

Anti-Abschiebe-Demo in Witzenhausen

Proteste nach Abschiebung eines Syrers in Witzenhausen

Rubriklistenbild: © Friederike Steensen

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