Baumsachverständige will Naturdenkmal erhalten

Neues Verfahren: Pilz soll Linde in Kammerbach retten

Befallende Stellen: Stefanie Weigelmeier hat an der Sommerlinde einige Stellen mit dem Brand-Krustenpilz entdeckt und markiert.
+
Befallende Stellen: Stefanie Weigelmeier hat an der Sommerlinde einige Stellen mit dem Brand-Krustenpilz entdeckt und markiert.

Geschätzt 250 Jahre ist sie alt – für eine Linde eigentlich noch kein Alter. Dennoch könnten die Jahre für die Sommerlinde am alten Festplatz im Bad Sooden-Allendorfer Ortsteil Kammerbach gezählt sein.

Kammerbach – Der Grund: Ein Brand-Krustenpilz zerstört nach und nach ihre Wurzeln. Dann stirbt der Baum ab, vielleicht stürzt ein Sturm den mächtigen Stamm um. Und das wäre auch das Aus für das Naturdenkmal, das die Sommerlinde als Pärchen mit einer Winterlinde bildet.

Um das zu verhindern, bedient sich die Untere Naturschutzbehörde des Werra-Meißner-Kreises einer Expertin. Die Biologin und freiberufliche Baumsachverständige Stefanie Weigelmeier strebt den Erhalt der Linde mit einem relativ jungen, noch nicht so häufig angewandten Verfahren an: Ein anderer Pilz soll den Brand-Krustenpilz, der im sonst üblichen Gleichgewicht mit dem Baum sozusagen die Macht übernommen hat, bekämpfen.

Naturdenkmal: Diese Sommer-Linde in Kammerbach soll erhalten werden. Das große Herz soll erst wegen der Pandemie angebracht worden sein.

Wurzeln werden kurzzeitig freigelegt

Die Voraussetzungen für diesen „Kampf“ wurden in diesen Tagen geschaffen: Stefanie Weigelmeier impfte im Prinzip das Feinwurzelwerk der Linde mit Trichoderma. Das ist eine Pilzgattung, die sich unter anderem von, wie sie erläutert, holzzersetzenden Pilzen ernährt. Zum Bekämpfen des Brand-Krustenpilzes ließ sich Weigelmeier sogar extra einen Pilzstamm isolieren und diesen vermehren. In Wasser gelöst, goss die Baumdoktorin den Fadenpilz auf die feinen Wurzeln rund um die Linde am Ortsrand von Kammerbach.

Impfung: Mit einer wässrigen Lösung wird der Fadenpilz von Stefanie Weigelmeier auf das freigelegte Wurzelwerk (mit Farbspray sichtbar gemacht) aufgetragen und von den Baumpflegern Lukas Weimar (links) und Johannes Rüdiger mit Mutterboden bedeckt.

Johannes Rüdiger und Lukas Weimar, beide selbstständige Baumpfleger, gingen ihr dabei zur Hand und schütteten gleich humusreiche Muttererde auf das geimpfte Wurzelgeflecht, damit es nicht austrocknen konnte. Zudem mag Trichoderma Licht gar nicht.

Vorbereitung für die Impfung: Stefanie Weigelmeier verbindet den Fadenpilz mit viel Wasser.

Viel Wasser ist nötig

Überhaupt war neben viel Handarbeit auch viel Wasser bei der Hilfsaktion im Spiel. Dafür wurde zunächst der Oberboden in niedrigen Ringgräben rund um die Linde abgenommen. Mit rund 5000 Litern Wasser – allein drei Kubikmeter Regenwasser hatte die Anwohnerin Belinda Lieberum zur Verfügung gestellt – war zunächst das Umfeld des Baumes getränkt worden, damit sich die Erde leichter von den feinen Wurzeln trennen ließ.

Ob die „Behandlung“ der Linde von Erfolg gekrönt, der Brandkrusten-Pilz zurückgedrängt und der Baum gestärkt ist, wird wohl frühestens in einem Jahr zu erkennen sein. Zuvor ist aber noch geplant, im Sommer die Krone zu pflegen, wie Stefanie Weigelmeier ankündigt. Das Geäst der Linde soll dafür etwas ausgeschnitten werden. (Stefan Forbert)

Die Trichoderma-Pilze wurden extra isoliert und gezüchtet und in drei Dutzend Petri-Schalen zugesandt.

Zwei Pilze kämpfen um die Linde

Der Brand-Krustenpilz ist ein häufiger Pilz, der vor allem an Buchen, aber auch an anderen Laubbäumen wie Linden oder Ahornen, vorkommen kann. Er ernährt sich, wie Stefanie Weigelmeier erklärt, von Wurzeln geschwächter Bäume, baut damit das Holz ab und ist meist schwer und nur durch Sachverständige sicher erkennbar. An der Sommerlinde in Kammerbach sind am Stamm mehrere dunkelbraune Stellen mit dem Pilz sichtbar.

Da viele Baumstandorte in Städten und Dörfern nicht ideal für die Pflanzen sind und andere Faktoren wie Verdichtung, Auftausalze, Hunde-Urin, zu wenig Platz für die Wurzelausbreitung hinzukommen, wurde die Widerstandsfähigkeit mancher Bäume aufgrund der besonderen Trockenheit der vergangenen Jahre zusätzlich geschwächt – und ein Wurzeln fressender Pilz hatte leichteres Spiel.

Bei der Pilzgattung Trichoderma handelt es sich um fadenartige Arten, die in jedem normalen Waldboden vorkommen und sich von zersetzenden Pflanzenresten ernährt – und eben auch holzzersetzende Pilze frisst.

Für die Linde und deren Wurzeln hingegen ist diese Pilzart ungefährlich. (sff)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare