„Raus aus dem System“

Chefarzt Dr. Heinz Berkermann hängt Job vorzeitig an Nagel

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Übt harte Kritik am Gesundheitssystem: Dr. med. Heinz Berkermann war 23 Jahre Chefarzt der Gastroenterologie am Klinikum in Eschwege.

Eschwege – Nach einem Leben als Arzt, davon die vergangenen 23 Jahre als Chefarzt der Gastroenterologie und Inneren Medizin am Eschweger Krankenhaus, geht Dr. Heinz Berkermann zum Ende des Monats in den Ruhestand.

Eigentlich noch ein bisschen früh für das Altenteil, aber Berkermann hat bereits im Herbst vergangenen Jahres seinen Job gekündigt. Bis jetzt geblieben ist er nur, damit seine Nachfolge am Klinikum geregelt werden konnte.

Den gebürtigen Westfalen Berkermann kann so schnell nichts aus der Balance bringen, doch hier bricht sich Frust Bahn: „Ich wollte einfach raus aus dem System, raus aus der unerträglichen Kommerzialisierung im Umgang mit Patienten“, sagt der 65-Jährige, der über sich sagt: „Jede Pore in mir atmet Medizin.“ Der ständige Druck und die Rechtfertigungen für jeden Schritt, ob der auch wirtschaftlich sei, habe ihn zu der Entscheidung gebracht, seine Arbeit aufzugeben. Hinzu kam, dass im Herbst vorigen Jahres alle drei seiner Oberärzte das Eschweger Krankenhaus verlassen hatten. „Ich stand da mit Assistenzärzten und einer Honorarkraft“, sagt er. Eigentlich würde jetzt der Satz jeder Diva folgen: „So kann ich nicht arbeiten“. Aber er sagt ihn nicht.

Jetzt sei nicht nur entscheidend, was er geschaffen und erreicht habe in seinen 23 Jahren in Eschwege. „Wichtig ist, was bleibt“, sagt er. Entscheidend hat Berkermann daran mitgewirkt, dass das Klinikum 2006 akademisches Lehrkrankenhaus der Uni Göttingen wurde, im Bereich der Gastroenterologie und Endoskopie etablierte er alle modernen medizinischen Standards.

Weitere Spezialgebiete waren Diabetologie – er verankerte Diabetikertage für Patienten fest im Kalender –, er ist Ernährungsmediziner, kümmerte sich neben adipösen Patienten auch um die gewichtsdefizitären, die bereits bei der Aufnahme erfasst wurden und in Absprache mit dem Küchenchef des Krankenhauses hochkalorisches Essen bekamen. „Ich hoffe sehr, dass das weiterläuft“, sagt Berkermann.

Außerdem war er lange Zeit der einzige Proktologe (Erkrankungen des Enddarmes) in der Region. „Jeden Morgen von 7.30 Uhr bis 8 Uhr hatte ich Poposprechstunde“, sagt er, ohne eine Miene zu verziehen – ebenso wie bei den 30 000 Koloskopien (Darmspiegelungen), die er während seiner Arztlaufbahn gemacht hat.

Mit Medizin ist Schluss für Dr. Heinz Berkermann – er ist sich sicher. 2016 machte er seinen Jagdschein, seither ist er beinahe täglich im Wald. „Ein Hobby, mit dem ich hätte früher in meinem Leben anfangen sollen“, sagt er bedauernd. Er spielt Tennis, will wieder tanzen, hat endlich Zeit zu Lesen. „Wir werden reisen“ Und für sein Jägerleben gibts zwar schon den geländefähigen Jeep, aber noch fehlt der Hund. Nach dem Sommer soll ein Brackewelpe in das Grebendorfer Haus einziehen. „Für den möchte ich richtig Zeit haben.“

Ach ja, fällt ihm dann noch ein, Sprachen wollte er noch lernen, wieder ein bisschen die Uni besuchen und malen lernen und Musik. Da muss auch der Westfale lachen: „Weiß gar nicht, wie ich das alles schaffen soll.“

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