In Schwebda rollte einst die Bimmelbahn

Heute zugemauert: Das Westportal des Friedatunnels ist heute verschlossen, die schöne Architektur aber ist erhalten. Foto: Friske

Schwebda. Lieblingsorte, Lieblingserlebnisse und Lieblingsspeisen - die Werra-Rundschau nimmt Sie in der Serie „100 Dinge, die wir an der Region mögen“ mit auf eine Heimat-Entdeckungstour für alle Sinne. Heute stellen wir die Kanonenbahn und den Bahnhof Schwebda vor.

"Hier herrscht ja ein Verkehr wie am Schwebschen Bahnhof!“ Der Spruch ist geblieben, der Eisenbahnverkehr bei Schwebda allerdings längst eingestellt. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Schwebda von einem kleinen Durchgangsbahnhof der Kanonenbahn hin zu einem wichtigen Drehkreuz in der Region, von dem aus Reisende nach Heiligenstadt, Eisenach, Wanfried oder Eschwege gelangten. „Mit dem Bahnhof Schwebda ging es in den Jahren ständig bergauf“, sagt Hermann Josef Friske. Der 65-Jährige aus Reichensachsen hat die umfangreiche Geschichte der Bahn in der Region schriftlich festgehalten.

Die Bahn kommt

„Die Bahn kommt“, das war den Schwebschen sofort klar, als 1872 der Baron von Keudell aus Schwebda für 24 000 Reichsmark Ländereien in der Schwebdaer Flur an das Deutsche Kaiserreich verkaufte.

Doch etwas Geduld war noch gefragt: 1875 wurde der Bahnhofsbau geplant, ab 1877 begann der Bau der Trasse. „Obwohl das Bahnhofsgebäude erst im Laufe des Jahres 1881 errichtet wurde, kann man davon ausgehen, dass der Bahnhof Schwebda gemeinsam mit dem Streckenabschnitt Leinefelde-Eschwege am 15. Mai 1880 ohne besondere Festlichkeiten eröffnet wurde“, sagt Friske.

Seit der Eröffnung fuhren täglich drei Züge von Eschwege nach Leinefelde und wieder zurück. 1896 wurde der Bahnhof um ein Gleis erweitert, das zur neu errichteten Dampfziegelei der Gebrüder von Keudell führte. Dieses Gleis führte vom Bahnhof aus in Richtung Geismar, um dann links zur Ziegelei abzubiegen. „Die Ziegelei wurde allerdings 1919 wieder abgerissen.“

Erst Durchgangs-, dann Abzweigbahnhof

Zunächst war der Bahnhof Schwebda - wie viele Bahnhöfe entlang der Strecke der Kanonenbahn - nur ein Durchgangsbahnhof, das änderte sich am 2. April 1900. An diesem Tag wurde offiziell eine Bahnstrecke in Richtung Treffurt geprüft. Der Spatenstich für die Strecke von Schwebda über Wanfried nach Treffurt war am 17. Oktober 1900, am 1. Mai 1902 ging die Strecke in Betrieb. „Ab diesem Zeitpunkt wurde aus dem Streckenbahnhof ein Abzweigbahnhof“, erklärt Friske. 1907 wurde die Strecke dann bis nach Eisenach erweitert. „Dieser Streckenabschnitt wurde von der Bevölkerung liebevoll das Botenlieschen genannt.“

Der Bahnhof Schwebda sollte aber noch größer werden: Ende 1914 kam die dritte Strecke in Richtung Heiligenstadt hinzu. „Da mittlerweile der Erste Weltkrieg ausgebrochen war, wurde die Strecke nicht feierlich eingeweiht“, sagt Friske. Auch für die Bahn nach Heiligenstadt hatte die Bevölkerung einen Spitznamen: die Eichsfelder Bimmelbahn. „Das lag daran, weil die Lok auf der Strecke fast fortwährend läutete.“

Bedeutung hatte der Schwebdaer Bahnhof auch für die Post: Zumindest bis 1945 war er entlang der Strecken Leinefelde-Eschwege und Eisenach-Niederhone für sie eine Schnittstelle. Infolge der Grenzziehung wurden die beiden Bahnlinien nach dem Zweiten Weltkrieg unterbrochen. „Wie es dann mit dem Bahnpostverkehr in der Region weiterging, konnte bislang noch nicht ermittelt werden“, sagt Friske.

Rückbau ab den 80er-Jahren

Ab den 1980er-Jahren wurde der Bahnverkehr bei Schwebda zurückgefahren, die meisten Strecken wurden stillgelegt. 1981 wurde das Bahnhofsgebäude verkauft, zunächst zog dort ein Feinchemie-Unternehmen ein, ab 1999 wurde das Gebäude in ein Gäste- und Seminarhaus gewandelt, was so bis heute noch betrieben wird. Nur noch vereinzelt gab es einige Sonderfahrten auf den stillgelegten Strecken nach Wanfried und Leinefelde. 1995 wurde dann auch die Strecke nach Eschwege stillgelegt. Zwischen 1998 und 2002 wurden die Bahnstrecken dann komplett zurückgebaut. Bereits im Jahr 1984 wurde der Friedatunnel stillgelegt und aus Sicherheitsgründen in den folgenden Jahren verfüllt. Das bei Schwebda gelegene Westportal des Tunnels ist auch in der Denkmaltopografie der Bundesrepublik Deutschland verzeichnet. Dort heißt es: „Das Portal greift in historischer Manier die Formensprache und Motive mittelalterlicher Festungsarchitektur auf.“

Anekdote

Um einen Zug, der im Februar 1945 durch Schwebda fuhr, rankt sich ein Mythos: Dabei soll es sich um einen Sondertransport des Oberkommandos der Wehrmacht gehandelt haben, der vom Bahnhof Heiligenstadt nach Schwebda startete. „Ob dieser direkt über die Eichsfelder Bimmelbahn oder über Leinefelde dorthin geleitet wurde, ist fraglich“, sagt Hermann Josef Friske.

Nach Angaben von Gerhard Reddemann, von 1969 bis 1994 Mitglied im Deutschen Bundestag (CDU), dessen Vater ab Januar 1945 Oberkommandant des Volkssturmes in Heiligenstadt war, soll dieser Zug 27 Großkisten mit dem legendären Bernsteinzimmer sowie weiteren Kunstschätzen aus Königsberg und Danzig enthalten haben. Ob der Zug in Schwebda weitergeleitet wurde oder noch einige Zeit im Friedatunnel stand und dann von den Amerikanern übernommen wurde, bleibt allerdings bis heute ungeklärt.

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